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Auf Augenhöhe

Auszüge aus unserem Beiheft in der fiftyfifty-Strassenzeitung - 05|2023 zum Thema "augenhöhe"

 

Lange bestritten, ist es doch wahr: Die Mitte unserer Gesellschaft erodiert. Dies ist auch im Stadtbild zu spüren. Die Suche nicht nur von Obdachlosen in Mülltonnen und Abfallkörben nach Verwertbarem, vor allem Pfandflaschen, gehört schon zum Alltag.

Umso mehr drängt sich da die Frage auf: Wer sind diese Menschen, die wir gern als Außenseiter und „Randfiguren“ ansehen? Sind sie so „anders“ als wir? Der Blick in so manche Biografien von Vereinsamten, aber auch von Obdachlosen macht es bald klar: Sie sind wie Du und ich, mit den gleichen Empfindungen, aber zumeist mit einem recht schweren Schicksal konfrontiert. Und da ist es so wichtig, ihnen ganz so zu begegnen, dass sie spüren: Sie sind akzeptiert und ihre Lage macht uns betroffen. Aber gemeinsam ist das Ziel, dass sie wieder aus ihr herauszukommen, auch wenn das oft sehr schwer ist.

„Wie soll das gehen?“, werden Sie vermutlich fragen. Nun, die Erfahrung bei vision:teilen e.V. zeigt, dass es klappt.

 

Menschen am Rande – was heißt das eigentlich?

 

Wenn ich Sie frage: „Gehören Obdachlose zum Rand der Gesellschaft“, wie werden Sie wohl antworten? Ich vermute, Sie sagen „Ja“. Ähnlich könnte es bei Menschen mit hoher Vereinsamung sein, die wir erst gar nicht in der Öffentlichkeit sehen und die am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen.

Aber wenn wir weitergehen, wird es auch schon schwierig, genauer zu sagen, was aus unserer gängigen Sicht „Rand“ und „Mitte“ der Gesellschaft ist.  Es spielt dabei mit, was uns fremd ist und wo wir uns nicht zuhause fühlen; das ist dann „der Rand“. Denn wir definieren uns unwillkürlich als zur „Mitte“ der Gesellschaft gehörig, auch wenn diese zurzeit durch Verarmungsprozesse immer stärker ausgedünnt wird.

Wie aber steht es mit denen „am Rande“? Sehen sich selber so? Und: Fühlen sie sich von daher ausgegrenzt und übernehmen dies in die Selbsteinschätzung?

Wenn wir auf Obdachlose schauen, dann finden wir vielfach diese Art der Selbsteinschätzung bestätigt. Je länger sie obdachlos sind, so stärker fühlen sich die meisten von ihnen stigmatisiert und ausgegrenzt und übernehmen dieses Urteil für sich. Sie erfahren sich als „anders“ allein deshalb, weil sie ständig mit dieser Einschätzung durch die „normale Umwelt“ konfrontiert sind.

Genau da setzt unser Selbstverständnis in vision:teilen an. Uns geht es darum, die gleiche Würde und das gleiche Menschsein in unserer Begegnung mit Menschen am Rande zu betonen und auf Augenhöhe den bedürftigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu begegnen, sei es nachts am gutenachtbus, sei es in der Begegnung mit den Vereinsamten, sei es beim Bemühen um die Integration von Obdachlosen in die Gesellschaft durch das Projekt Housing First. Dabei sind wir oft selbst erstaunt, in welch hohem Maße das gelingt.

 

Begegnung auf Augenhöhe – wie geht das?

 

„ich muss mich beeilen. Ich muss weg und den Zug nach Duisburg noch erreichen. Können Sie mich fahren?“. Der mich das fragte, war U., stadtbekannt als Obdachloser, der draußen schläft und nicht jeden Tag eine Gelegenheit zum Duschen hat. „Man hat mich bestohlen, als ich draußen schlief. Auch meine Gitarre hat man mir genommen und auch den Einkaufswagen. Das ist alles, was ich noch habe. Ich muss für einige Zeit weg, denn einige Leute haben es auf mich abgesehen“.

Ich lud U. in das Auto, drehte die Scheibe herunter, um frische Luft zu haben – ansonsten hätte mich der Körpergeruch erdrückt – und brauchte U. zum Hauptbahnhof, wohin er wollte. Wir haben ganz natürlich miteinander im Auto gesprochen, als sei das, was ihm passiert ist, ein ganz normaler Fall, mit dem jeder Obdachlose, der draußen schläft, rechnen muss. Anzeige zwecklos. Da ist es halt besser, als Obdachloser für einige Zeit „von der Bildfläche zu verschwinden.“

Für mich war es eigentlich eine selbstverständliche Hilfe. Denn U. hatte es verdient, dass ich ihm den Gefallen tat, statt ihn allein zum Bahnhof laufen zu lassen. U. wusste, dass er mich fragen durfte – denn wir kennen uns und begegnen uns auf Augenhöhe, ohne darüber zu sprechen. Er, den das Schicksal auf die Straße geworfen hatte, und ich, dem das alles zum Glück erspart geblieben ist,- was ist da der Unterschied, wenn es darum geht, wer wir sind und nicht, was wir haben?!

 

„Was darf ich Ihnen geben?“

 

Fragen Sie Ehrenamtliche am gutenachtbus, dem vielleicht wichtigsten Projekt von vision:teilen in Kooperation mit fiftyfifty in Düsseldorf, was wohl das Wichtigste nachts für ihren Einsatz sei, dann werden sie spontan sagen: „dass wir genug für alle dabei haben“.

Aber wenn wir nachfragen, warum sie es tun und was wohl das wichtigste Ziel dieses Einsatzes ist, dann heißt es fast immer: „Ich tue es, weil es mir im Leben gut gegangen ist und ich dies durch meinen Einsatz zurückgeben möchte“. Und das Wichtigste ist dann, „dass unsere obdachlosen Gäste spüren, dass wir sie als Menschen annehmen und ernst nehmen und ihnen möglichst helfen, aus der Obdachlosigkeit wieder herauszukommen.“

Nun ist das oft leichter gesagt als getan. Dabei ist der erste Schritt ein ganz unscheinbarer, aber unheimlich wichtiger: Ehrenamtliche und obdachlose Gäste sprechen miteinander. Man sieht dann gar nicht, wer obdachlos und wer als Ehrenamtlicher gesellschaftlich vorangekommen ist, denn das ist im Gespräch auf gleicher Augenhöhe unwichtig. Es geht darum, Anteil am anderen zu nehmen, und wo dies geschieht, fühlen sich beide ernst genommen, kommen sich näher, ja empfinden ähnlich – und helfen einander.

Gerade diese Anteilnahme auf gleicher Ebene, so hat sich mehr als einmal gezeigt, vermag Wunder zu wirken und Freundschaften entstehen zu lassen. Und so mancher, der als Obdachloser oder Obdachlose von sich sagt, „Ich habe alles versucht aber es war alles umsonst. Ich komme aus meiner Lage nicht heraus“, hat es hinterher doch noch einmal wieder probiert und sogar geschafft, aus der Obdachlosigkeit heraus zu kommen, und dies mit aktiver Unterstützung seines ehrenamtlichen Freundes oder seiner am gutenachtbus gefundenen Freundin.

 

„Ist es wirklich wahr, dass Sie sich Zeit für mich nehmen?!“

 

Einsamkeit, Vereinsamung, Alleinsein, weil es nicht anders geht: Diese bittere Erfahrung machen heute viele von uns. Verschämte oder offene Armut können ebenso dabei mitspielen wie das Lebensschicksal selbst. So bunt das Leben, so vielfältig sind auch die Schicksale, die nach dem ersten Kontakt beim Besuch durch die aufsuchende Hilfe der Sozialarbeiter*innen von „hallo nachbar!“ zutage treten. Ihnen allen ist die nachdrückliche Bitte um menschliche Kontakte und Begleitung auf Augenhöhe gemeinsam. Von daher ist auch das „Zeit füreinander haben“ und das Zuhören und miteinander Sprechen oft das Allerwichtigste, sobald mit Hilfe der Sozialarbeiter*innen Ehrenamtliche und „Nachbarn“, wie wir die Vereinsamten nenne, zueinander gefunden haben und dabei fachlich begleitet werden.

Kein Wunder, dass eine derartige Begegnung auf Augenhöhe, die alle gesellschaftlichen Unterschiede beiseitelässt und die Empathie füreinander mit der Wahrung des nötigen Selbstschutzes verbindet, in der Lage ist, die Einsamkeit des „Nachbarn“ oder der „Nachbarin“ auf Dauer aufzubrechen. Oft sogar führt dies zu einer jahrelangen Freundschaft, bei der beide sich reich beschenkt fühlen – sowohl derjenige oder diejenige, die „Zeit schenkt“, als auch derjenige oder diejenige, die oft schon lange darauf vergeblich gewartet hat, dass sich jemand Zeit für sie nimmt und für sie da ist, für sie allein.

 

 „Darauf habe ich schon so lange gewartet!“

 

Lange galt es als ausgemacht, dass jemand, der über Jahre das Leben der Straße hat teilen müssen, erst wieder an eine normale Wohnung und deren Erfordernisse gewöhnt werden müsse. Erst, wenn dieser Nachweis erbracht sei, sei er – so das Konzept -  in der Lage, eine Wohnung dauerhaft zu bewohnen und sich nach und nach wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Nun, die Erfahrung heutzutage hat gezeigt, dass es eine solche „Erprobung“ gar nicht braucht, sondern das das Wichtigste und Schwierigste überhaupt ist, eine solche Mietwohnung als Obdachloser und Hartz-IV-Bezieher überhaupt zu bekommen. “Erst die Wohnung, dann alles andere hinterher“ ist das Motto des „Housing First“-Ansatzes, der mehr und mehr in Deutschland Fuß fasst. Um das dem einzelnen, Mann oder Frau, möglich zu machen, genügt es nicht, ihn auf den Wohnungsmarkt zu schicken, wo er keine Chance hat. Vielmehr gilt es, Wohnraum für ihn zu erwerben und eigens für Obdachlose dauerhaft bereit zu stellen.

Diesem in Düsseldorf besonders von fiftyfifty propagierten Konzept hat sich auch vision:teilen angeschlossen und in den letzten vier Jahren in Düsseldorf vier Wohnungen zu diesem Zweck erworben und bereitgestellt.

Bei dieser Wohnungsvermittlung saßen sich dann nicht Menschen gegensätzlicher Interessen – Wohninteresse gegenüber Gewinninteresse – gegenüber, sondern solche, die das Gleiche wollen und von daher auf Augenhöhe eine gemeinsame Lösung suchen: die Überwindung der Obdachlosigkeit und die Integrierung in die Gesellschaft. Genau das, so hat sich gezeigt, ist die Basis, um eine solche Vermietung zum Erfolg zu führen – und das heißt, in entscheidender Weise beizutragen, dass ein solcher ehemaliger Obdachloser oder Obdachlose von sich sagen kann „Ich bin wieder Mensch“.

 

Bitte helfen Sie uns, damit wir weiter helfen können!

Die Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des ehrenamtlichen Einsatzes und des Grundsatzes der Begegnung auf Augenhöhe in Verbindung mit professioneller Begleitung erfahren wir jeden Tag in unserer Arbeit. Dafür sind wir dankbar.

Aber wir spüren auch: All das kostet, und das nicht wenig! Dies gilt für alle Bereiche der organisatorischen Begleitung, der Bereitstellung der Infrastruktur, des Unterhaltes des gutenachtbusses und seine Bestückung Nacht für Nacht, für Personal- und Sachkosten in großer Zahl, für die Beschaffung der Housing-First-Wohnungen und den Unterhalt und vieles andere mehr.

Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, sind wir ganz auf Ihre Hilfe angewiesen. Und das Tag für Tag.

 

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