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Zwischen Ordnung und Hilfe

Eine Polizistin über obdachlose Menschen in der Altstadt

Ortstermin Polizeiinspektion Mitte, Heinrich-Heine-Allee 1. Diese Wache kennt jeder in Düsseldorf. Gleich am Eingang der Altstadt, immer mit jeder Menge Einsatzfahrzeugen vor der Tür. Wir haben eine Verabredung mit Christine Wolf, der verantwortlichen Polizistin für diesen Bezirk. Sie trägt „volles Ornat“ mit Schutzweste und allem was da so dran gehört, angefangen bei Handschellen. Sieht etwas martialisch aus, Christine ist aber ganz das Gegenteil. „Ich bin hier der Dorf-Sheriff“, grinst sie, wie noch häufig in unserem Gespräch. 

Bezirkspolizistin: Wie wird man denn sowas? „Ich hab’ angefangen mit Objektschutz, Einsatzhundertschaft, bin Streifenwagen gefahren, war auf der Einsatzleitstelle. In den Bezirksdienst wollte ich, weil hier die menschliche Komponente zählt. Alles ein bisschen persönlicher.“

Christine hat vor fast 35 Jahren angefangen, direkt nach der Schule. „Mein Job ist meine längste Beziehung“, sagt sie. „Mit 16 begann meine Ausbildung – jetzt bin ich 51.  Beim Bezirksdienst bin ich acht Jahre. Zuerst am Bahnhof, dann konnte ich wechseln. Ich bin geborene Düsseldorferin! Für mich ist die Altstadt das Herzstück.“ Ein gute Ladung Lokalpatriotismus gehört für Christine ganz selbstverständlich dazu. „DEG und Fortuna inklusive“, sagt sie. „Und ich rufe natürlich Helau. Alaaf erlaube ich nicht“. Da ist es wieder, das schelmische Lächeln.

Und was sind die besonderen Herausforderungen hier in der Altstadt? „Also, auf keinen Fall ist das hier eine No-Go-Area, wie immer mal wieder in der Presse zu lesen ist. Natürlich gibt es schlimme Delikte. Gibt’s überall. Auch wenn mal ein Messer gezogen wird, dann haben aber gleichzeitig viele tausend Andere hier friedlich gefeiert und sind fröhlich nach Hause gegangen. Obdachlosigkeit ist viel eher ein Thema. Die Belange der Wirte, um die wir uns kümmern müssen – zu Karneval besonders. Der Fokus hier ist doch ein wenig anders, als rund um den Worringer Platz und Bahnhof.“

Die Probleme der Menschen ohne Unterkunft sind ebenso unterschiedlich. „Da ist alles dabei“, sagt sie. „Vom drogenabhängigen Kinderarzt, der irgendwann wegen privater Probleme selbst in den Medikamentenschrank gegriffen hat, über den litauischen Bauarbeiter, der nicht bezahlt wurde und hier im Alkoholsumpf gestrandet ist, bis zum Minderjährigen, der nie eine faire Chance hatte. Altersarmut, viele Flaschensammler, die einfach aufgrund der steigenden Mieten mit dem Monatsgehalt nicht mehr auskamen. Da ist wirklich alles dabei. Also von jung bis alt, von gebildet bis ungebildet, jede Nationalität. Jeder hat einen echten Grund, warum er da gelandet ist. Das macht keiner freiwillig.“ 

Und was sagt sie den Menschen, die meinen, niemand in Deutschland müsse obdachlos sein. Dass diejenigen selbst schuld seien? „ Es stimmt schon: Die Stadt Düsseldorf hat wirklich viele Hilfsangebote. Für Migration, für Minderjährigen… Suchthilfe, Asylhilfe, für Senioren, für die Jugend… Es gibt fast nichts, was nicht angeboten wird, scheint es. Also klar, dass tatsächlich viele Bürger fragen: ‚Warum sind die denn auf der Straße? Bringen Sie die doch mal unter. Der Punkt ist: Man muss sich in jeder Unterkunft an Regeln halten. Wenn das nicht klappt, dann fliegt man raus. Viele vergessen, dass Sucht eine Krankheit ist. Die kann man nicht einfach abschalten, damit man ein Zimmer oder ein Bett bekommt. Viele wollen solche Notunterkünfte vielleicht auch nicht, weil sie da ihren Hund nicht mitnehmen dürfen. Oder weil es halt nur für Frauen ist, die aber unbedingt mit ihrem Freund als einziger Bezugsperson zusammenbleiben wollen. Viele Faktoren spielen eine Rolle, warum Leute auf der Straße leben.“

Als ich aus dem Urlaub kam, hatte man sie tot in einer Baustelle gefunden. Das ist dann echt traurig. Ich kenne keinen Kollegen, der bei sowas sagen würde ‚Mir egal, weiter geht’s‘.“

Wenn sie so nah dran ist an den Menschen, belasten sie die Schicksale auch ganz persönlich? „Kann man sich nicht vor schützen, meistens nicht. Also ich erinnere mich zum Beispiel an eine, die war 23. Das war die zweitjüngste Drogentote, deren Schicksal ich mitbekommen habe. Anfangs ging es eine zeitlang noch ganz gut, da war sie mit ganz guten Leuten unterwegs. Irgendwann ist der Vater an Krebs erkrankt. Das hat sie schnell runtergerissen. Ich hatte sie eine Woche vor meinem Urlaub noch gesprochen. Habe ihr gesagt, dass sie echt schlecht aussieht. Sie wußte das und hat versprochen, weniger zu nehmen, was zu ändern. Als ich aus dem Urlaub kam, hatte man sie tot in einer Baustelle gefunden. Das ist dann echt traurig. Ich kenne keinen Kollegen, der bei sowas sagen würde ‚Mir egal, weiter geht’s‘.“

Es gibt andere Beispiele. Wie das von dem Obdachlosen, der es nach sieben Jahren geschafft hat, von der Straße zu kommen. „Mithilfe seiner Söhne hat er ein Zimmer bekommen, hat den Entzug geschafft und dann eine Anstellung als Handwerker gefunden. Auf der Wache haben wir gesammelt und ihm ein Handy besorgt. Das brauchte er dringend für den Job, konnte es aber nicht bezahlen. Er werde uns das nie vergessen hat er gesagt und gefragt, ob er mich umarmen dürfe. Er hätte noch nie jemand von der Polizei umarmt, meinte er und dann hat er mich schon gedrückt. Sehr viel gemerkt habe ich nicht, muss ich gestehen. Unsere Schutzwesten sind nicht gerade gefühlsecht…“ Christine grinst wieder breit. 

Generell seien Frauen in ihrer Rolle als Polizistin kommunikativ für viele vielleicht eher Ansprechpartner. Auch unter Obdachlosen gebe es Themen, bei denen es für Frauen einfacher sei mit einer anderen Frau zu reden. „Bei Sexualdelikten besonders. Von Vergewaltigung bis Zwangs-Prostitution ist da ja alles dabei. Dann geht es auch darum, welche Hilfsangebote es gibt, welche Möglichkeiten die Frau hat. Opferschutz und sowas. Da ist meist angenehmer für das Opfer, mit einer Gleichgeschlechtlichen zu reden. 

Ich renn’ den ganzen Tag zu Fuß durch die Altstadt. Ich nehme die Anzeige auf wenn ich eine Straftat raus höre. Ich stehe aber auch immer für ein Gespräch zur Verfügung. Ich bin halt der Dorf-Sheriff und deshalb liebe ich meinen Job.“

// Texte & Bilder (C) Olaf Kracht

 

An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ganz herzlich bei Christine Wolf bedanken, dass sie uns mit ihrem Interview einen erweiterten Blick auf die Situation in der Altstadt gegeben hat.