Leben im Versteck
Die Zahl wohnungsloser Frauen in Nordrhein-Westfalen steigt seit Jahren. Gleichzeitig bleiben ihre Schicksale häufig unsichtbar. Viele leben versteckt, aus Angst vor Gewalt, Ausbeutung und Abwertung. Andere wechseln ständig ihren Aufenthaltsort, um sich zu schützen – und tauchen in keiner Statistik auf. Der gutenachtbus für Frauen in Düsseldorf setzt genau hier an: Er bietet gezielte Hilfe für Frauen, die sonst oft durch alle Raster fallen. Kleidung, Hygieneartikel, ein offenes Ohr – und vor allem einen sicheren Ort, an dem sie ohne Angst ankommen dürfen.
Hinter diesem Angebot stehen engagierte Ehrenamtliche, die regelmäßig unterwegs sind, um Frauen in akuter Not zu erreichen. Sie schenken nicht nur materielle Unterstützung, sondern auch Zeit, Respekt und Menschlichkeit.
Oft sind es genau diese kleinen Gesten, die den größten Unterschied machen.
Mit diesem Artikel möchten wir Ihnen einen Einblick in diese besondere Arbeit geben. Sie erfahren, wem der Bus begegnet, warum dieses Angebot notwendig ist und was es für die betroffenen Frauen bedeutet. Gleichzeitig bitten wir Sie herzlich, diese wichtige Hilfe mit Ihrer Spende zu unterstützen.
Denn jede Spende trägt dazu bei, Frauenwürde zu bewahren, akute Not zu lindern und Perspektiven zu eröffnen.
Mit herzlichen Grüßen
Daniel Stumpe, Leitung vision:teilen e.V.
Der gutenachtbus für Frauen als Zusatzangebot in Düsseldorf leistet wertvolle Hilfe.
Sie schaut auf den nassen Asphalt. Selbst beim Sprechen bleibt ihr Blick gesenkt. „Ich will nur warme Schuhe haben“, murmelt die ältere Frau leise. Die Kälte kriecht durch ihre dünne Kleidung. Graues Haar, schwarze Jacke, Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Die Schuhe sind durchgelaufen – vieles an ihr zeugt von den Minusgraden der letzten Tage.
Nur wenige Stunden zuvor herrschte am Lager des gutenachtbus Aufbruchstimmung. Silke Wittge Leiterin und Initiatorin des Zusatzprojektes und ihr Team sortieren Kleidung, verstauen Taschen in einem großen weißen Bus. Alles gezielt für Frauen: BHs, Unterwäsche, Socken, Leggings, Jacken. Es ist die erste Tour des Jahres des gutenachtbusses für Frauen, der jeden zweiten und letzten Mittwoch im Monat unterwegs ist. Seit acht Jahren ergänzt er den regulären gutenachtbus, der unter der Woche für alle Geschlechter fährt. Der Zusatz war nötig, weil Kleidung am Hauptbus Frauen oft nicht passte und weil Frauen z.B. bei Hygieneartikeln doch andere Bedürfnisse haben als Männer. Deshalb gibt es diesen spezialisierten Bus.
In dieser Nacht fahren drei Fahrzeuge vom Hof. Neben den beiden Bussen ist auch ein kleiner Transporter dabei, beladen mit Shampoo, Duschgel, Tampons, Binden und Kondomen. Für Initiatorin Silke und ihr Team ist der Einsatz längst zur Routine geworden.
Denn Frauen ohne festen Wohnsitz leben anders als Männer auf der Straße. „Viele Frauen sind wohnungslos, nicht obdachlos“, sagt sie. Ein Unterschied, der erkläre, warum hilfsbedürftige Frauen auf der Straße oft unsichtbar bleiben. „Sie sind vorsichtiger, verstecken ihre Not, ziehen von A nach B und kommen auch bei Bekannten unter.“
Es soll ein Ort sein, an dem sie sicher sind und einfach Frau sein können – ohne sofort ihre Geschichte erzählen zu müssen.
Silke Wittge, Projeketleitung & Initiatorin des gutenachtbusses für Frauen
2024 waren in NRW 122.170 Personen als wohnungslos gemeldet, darunter 46.935 Frauen und Mädchen – knapp 40 %. Die meisten leben in Notunterkünften oder in von Kommunen bereitgestellten Wohnungen. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher.
Dabei sind die betroffenen Frauen besonders gefährdet. Um diese Gefährdung zu vermeiden, begeben sich einige der Betroffenen in entwürdigende Abhängigkeiten. Die Ehrenamtlichen kennen schlimme Geschichten. Von Frauen, die vor gewalttätigen Partnern geflohen sind. Von Ausbeutung und sogenannten Obdachlosenfreiern. Also Männern, die ein Dach über dem Kopf versprechen und dafür sexuelle Gegenleistungen erwarten.
An diesem Abend beginnt die Tour gegen halb zehn. Erste Station ist der Grabbeplatz in der Altstadt. Ein bekannter Treffpunkt. Und noch bevor die Fahrzeuge stehen, bilden sich schon Schlangen. Eine kleine, dunkelhaarige Frau mit abgewetztem Rucksack kommt auf das Team zu. Sie braucht dringend eine neue Jacke. Ihre dunkelrote Steppjacke wirkt dünn, vielleicht zu dünn für diese Nacht. Veronika Walica, eine junge Ehrenamtlerin, und ihre Kolleginnen geben die Klamotten raus. Mal ein warmes paar Socken, mal eine Strumpfhose, einen wolligen Pullover.
Nach etwa einer Stunde geht es weiter zum zweiten Stopp nahe dem Hauptbahnhof. Der Bus parkt, Walica macht die Tür auf, wieder dauert es nicht lange, bis die nächsten Gäste anstehen. Eine von ihnen ist Heike. Die über 50-Jährige trägt eine schwarze Jacke, einen schwarzen Hoodie mit großer Kapuze und darunter noch eine schwarze Kappe. Auch sie braucht neue Schuhe, bittet sie. Wie lange und warum sie auf der Straße wohnt, das fragen die Helferinnen die Frauen nicht. „Es soll hier ein Ort sein, an dem sie sicher sind und einfach Frau sein können, ohne uns direkt ihre Geschichte erzählen zu müssen“, sagt Silke Wittge.
Wer zum Bus kommt, soll zumindest für ein paar Minuten am Abend zur Ruhe kommen. Ein „Safe Space“, sagt Walica, bevor sie in der Kiste nach passenden Schuhen für Heike sucht. Ein rosafarbenes Paar scheidet aus geschmacklichen Gründen schnell aus, auch Lederstiefeletten gefallen ihr nicht. „Ich bin eher der sportliche Typ“, sagt die Frau. Schließlich werden es warme Turnschuhe, eine Nummer größer als die ausgetretenen Latschen, in denen sie gekommen ist. Anprobieren muss sie die neuen Schuhe in Größe 41 nicht. „Die passen, das weiß ich einfach“, glaubt Heike. Dann klemmt sie sich das Paar unter die Arme. „Danke, dass es euch gibt“, flüstert sie in Richtung der Helferinnen.
Die Luft wird immer kälter, die Kisten im Bus leerer. Um kurz nach Mitternacht endet die Tour. Auch für Veronika Walica heißt das: Feierabend. In wenigen Stunden muss die Lehramtsstudentin im Praxissemester wieder im Klassenraum stehen. „Aber“, sagt sie, „ich mache es gerne. Weil ich weiß, dass wir gebraucht werden.“
Bitte helfen Sie mit, damit Frauen auf der Straße nicht unsichtbar bleiben. Ihre Spende schenkt Wärme, Sicherheit und Hoffnung.
// Texte: Anna Schlichting, NRZ / Daniel Stumpe
Empfehlung: Auf dem eigenem Instagram-Kanal berichtet das Team regelmäßig über die Einsätze, Veranstaltungen und relevate Themen für und über weibliche Obdachlosigkeit.
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Stichwort: 2026-02-01