Mensch sein

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Auszüge unserem Beiheft in der fiftyfifty-Strassenzeitung - 12|2019 zum Thema "mensch sein"

Schwere Tage, harte Nächte!

„Das Leben ist kein Zuckerlecken!“ Wer aus dem bürgerlichen Kontext unserer Gesellschaft herausgefallen ist, der spürt es schon bald und dauerhaft. Aus Vergnügen macht man das nicht: den ganzen Tag auf den Beinen zu sein, immer auf der Suche: Wo werde ich etwas essen? Wo kann ich mich ein wenig ausruhen? Wo gibt es für mich „Kohle“?



Kein Wunder, dass der eine oder andere seine Zuflucht bei einem „Heiermann“, einer Pulle Bier, sucht oder auch richtig gesell-schaftlich abrutscht. Aber das ist nicht der Normalfall bei den Wohnungslosen, die dauerhaft ihre Wohnung verloren haben und denen wir nachts am gutenachtbus begegnen. Eher ist es so: Wie die Kinderstube, so der Mensch. Wer eine gute Kinderstube hatte, ist auch auf der Straße freundlich, kennt das Wort „Danke!“ und möchte Frieden haben und dazu beitragen. Er steht am gutenachtbus wie jeder andere an und bittet höflich, ob er etwas zu essen, zu trinken oder anzuziehen haben kann. Und gern wird ihm geholfen! Nein, es sind keine anderen Menschen als Du und ich, die es „erwischt“ hat und deren Schicksal wenig beneidenswert ist. Viele, ja die meisten haben sich ihre Menschlichkeit bewahrt und wissen zu schätzen, wenn andere ihretwegen am gutenachtbus sich die Nacht um die Ohren schlagen. Das lindert ihre Situation, aber es ändert nichts daran, dass es sehr hart ist, nachts draußen zu schlafen, etwa unter einer Brücke oder im Wald oder auf einem Rost vor einem Kaufhaus.

"Nein, es sind keine anderen Menschen als Du und ich"

Nur wenn wir beides zusammen sehen: Der innere „gute Kern“ und die Härte, die das Leben ihnen zeigt, dann wissen wir, warum sich Ehrenamtliche und Obdachlose gegenseitig mögen. Denn das, was sie verbindet, ist ihre Menschlichkeit, ihr Verständnis füreinander – und zuweilen ihre Freundschaft, über alle beruflichen und ge -sellschaftlichen Diskrepanzen hinweg. Sie reichen sich die Hand – ein erster, ganz wichtiger Schritt, um den Weg für eine Rückkehr in ein normales Leben wieder zu wagen. Der Weg ist lang, und er kann nur gegangen werden, wenn wir wieder lernen, im anderen den Mensch zu sehen, der uns braucht, aber auch zugleich innerlich reich macht.

Unterwegs mit dem gutenachtbus



„Hermann, bist Du heute wieder dabei?“ „Na klar, das ist doch selbstverständlich!“ – Per Telefon und Whatsapp geht schon mittags die Vorbereitung des gutenachtbusses los. Denn abends um 21.00 Uhr muss das Team stehen, das den gutenachtbus begleitet und für die Obdachlosen an zwei Stellen der Stadt bereitsteht: von 22.00 Uhr bis 23.30 Uhr in der Altstadt gegenüber dem „Kom(m)ödchen“ und anschließend bis 00.30 Uhr in der Nähe des Hauptbahnhofes.

Massoud, der Koordinator, hat gut lachen: Immer wieder  finden  sind meist  junge  Erwachsene,  Frauen und  Männer,  die  gern  diese  Aufgabe  als  Ehrenamtliche  übernehmen.  Da braucht er sich nicht Sorgen machen, dass er abends allein da steht. Vielmehr sieht es eher so aus, dass er gar nicht eingreifen braucht. Denn die vier Teams – je ein Team von 4-6  Ehrenamtlichen  pro  Nacht von montags bis donnerstags – sind vielfach eingespielt, um nicht zu sagen: fast befreundet. Es macht  einfach  Freude,  sich  um  21.00  Uhr  wiederzusehen, die über Tag bei einer Bäckerei und einer Lebensmittelausgabe geholten Lebensmittel zu verpacken, das Wasser für die Thermoskannen heiß  zu  machen,  die  nachts  gebraucht  werden, um passgenau den Instantkaffee und –tee, Milch und  kühles  Wasser  zum  Trinken  herauszugeben und  im  Kleiderkeller  die  vorbereiteten  Schuhe, Schlafsäcke,  Decken,  Kleidung  verschiedener Größen für Mann und Frau hochzuholen und im gutenachtbus zu verstauen. Kein Wunder, dass es dabei immer wieder zum privaten Plausch und Austausch kommt, ehe der gutenachtbus seine immer gleiche Tour kurz vor  22.00 Uhr antritt.

Vor Ort wird er schon erwartet und rasch umringt. Wer ist am ersten dran? Aber alle, die da warten, wissen schon aus Erfahrung: nur wer sich in die Schlange an der Seitenausgabe für Lebensmittel und hinten für Kleidung, Schuhe, Schlafsäcke und Decken anstellt, hat eine Chance, bedient zu werden. Ohne Ordnung geht es einfach nicht! Schon gut, dass der gutenachtbus hoch bepackt ist, um den zuweilen bis zu 120 und mehr Gästen an beiden Ausgabestellen gerecht zu werden.



Fast alles ist gespendet, nur das, was nicht als Spende erhältlich ist, wird dazu gekauft. Aber dennoch hindert dies nicht, dass immer wieder – und das regelmäßig – größere Kosten anfangen, von der Unterstellmiete für den gutenachtbus bis zum Zukauf von Lebensmitteln und zur Bezahlung der Kräfte, die es einfach braucht, um Tag für Tag alles Nötige zu beschaffen und sich darum zu kümmern, dass der gutenachtbus immer fahrtüchtig und am Laufen ist, aber auch um die unerlässliche Verwaltung für den gutenachtbus im Rahmen von vision:teilen e.V. sicherzustellen.

Wenn dann alles gut läuft und keine Zwischenfälle den Ablauf des Nachteinsatzes durcheinander gebracht haben, dann ist es um 00.30 Uhr Zeit, um den Mercedes-Sprinter zurück ins Parkhaus zu bringen. Denn dort ist er sicher und kann die Batterie wieder aufgeladen werden, die durch den vielen Lichtverbrauch in der Nacht und die nur kurzen Strecken stark strapaziert ist und Tag für Tag nachgeladen werden muss. Kurzum, es ist an vieles zu denken und vieles ist vorzubereiten, ehe am nächsten Tag ein neues Team sich auf die Reise zu „ihren“ Obdachlosen in der Nacht macht...


Drei Bereiche, ein Ziel: der Nächste am Rande

Prima, dass es den gutenachtbus gibt!“ Das hören wir oft, und dafür sind wir dankbar. Doch ist nicht zu übersehen: Die großartige Geste der Nächstenliebe am gutenachtbus ist wertvoll. Aber sie reicht nicht, damit Obdachlose, die vielfach schon viele Jahre in ihrer Ausgrenzung und Heimatlosigkeit leben, wieder in die Gesellschaft integriert werden. Da braucht es mehr! Viele haben schon die verschiedensten Sozialarbeiter-Dienste in Anspruch genommen. Aber was letztlich fehlt, ist die Gewissheit: „Ich habe wieder eine eigene Wohnung!“

Nur so klappt es mit einer geregelten Arbeit und der Rückkehr ins normale Leben. Aus diesem Grund macht vision:teilen e.V. mit beim Housing First: Zuerst die Wohnung, und dann alles andere danach. Das ist schwer, denn Mietwohnungen sind für Obdachlose so gut wie nicht zu bekommen. Von daher bemühen wir uns ähnlich wie die Straßenzeitung fifty -fifty, mit der wir zusammen arbeiten, um den Kauf von Wohnungen, die wir an Obdachlose dauerhaft vermieten. Aber nicht nur das „Heraus aus der Obdachlosigkeit“ ist wichtig, Vielmehr muss es ein vorrangiges Ziel sein, überhaupt vor Obdachlosigkeit und dem tiefen Fall der Schuldenkrise zu bewahren – und denen zu helfen, die es sowieso sehr schwer haben: Menschen in Einsamkeit, mit Behinderungen, im Abseits der Gesellschaft. Mit „hallo nachbar!“ versuchen wir gerade dies.

Von daher ist der Dreiklang unserer Bemühungen für uns so wichtig, wenn es um Menschen im Abseits der Gesellschaft geht: hallo nachbar – gutenachtbus – housing first. Helfen Sie uns, damit unser Bemühen wirksam bleibt!

 

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Redaktion// Br. Peter Amendt und Daniel Stumpe

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