International: Corona im Blick auf unsere Auslandsprojekte

Unsere große Sorge: der Blick in verschiedene Länder unserer Partner

Stand 08.04.2020

Liebe Freunde und Partner,

Zwischen dem Zeitpunkt als wir das erste Mal von Corona hörten und jetzt, liegt nicht viel Zeit. Es hat sich seitdem in diesen letzten Wochen und Tagen vieles geändert, im Kleinen, zu Hause, auf der Arbeit und zwischenmenschlich, aber auch im Großen, was die Politik und viele Ausgangsperren weltweit und gestrichene Flüge betrifft, von den Einschränkungen für Unternehmen ganz abgesehen. Vieles geht so schnell, als dass wir derzeit kaum (be-)greifen können, was wirklich geschieht und noch weniger können wir die Konsequenzen absehen. Es bleibt nur, jeden Tag aufs Neue auf sich zukommen zu lassen und abzuwarten, was die Nachrichten bringen sowie im Hier und Jetzt zu sein.

Aber wir haben auch etwas gelernt. Der Coronavirus zeigt uns, dass wir eine Menschheit sind, dass er keinen Halt vor Ländergrenzen und keine Unterschiede zwischen Nationalitäten macht.  Er führt uns auch vor Augen, wie privilegiert wir in Deutschland sind. Wir leben in einem stabilen politischen, wirtschaftlichen und sozialen System und greifen auf ein Gesundheitssystem zurück, das im Vergleich zu anderen Ländern ein hohes Niveau hat. Zudem haben wir eine Regierung, die ihre Gedanken mit uns teilt und so handelt, dass man ihr weitestgehend vertrauen kann.

Unsere große Sorge: der Blick in verschiedene Länder unserer Partner

In vielen Ländern dieser Welt sieht dies anders aus. Wir haben einige Berichte unserer Partner zusammengetragen, die aufzeigen wie viel schwieriger die Situation für die Ärmsten der Armen ist, wie problematisch Regierungen sind, die ihre Bürger nicht schützen und nicht rechtzeitig die richtigen Maßnahmen ergreifen.

Bosnien und Herzegowina:

Die letzten Nachrichten besagen, dass auch dort die gleichen Maßnahmen wie bei uns in Gang gesetzt sind (Schließungen von Schulen und allen Einrichtungen, in denen sich die Menschen treffen). In den Städten greifen die Kontrollen, während auf den Dörfern das gewohnte Leben noch eine Weile weitergeht, aber die benötigten Produkte knapp werden. Hinzu kommt noch ein Wintereinbruch in den letzten Tagen, der das übliche Leben zusätzlich einschränkt, da es viel geschneit hat und erst langsam taut.

Pakistan:

In der Provinz Sindh, in Pakistan, herrscht seit Montag dem 23.03 komplette Ausgangsperre. Das Arbeitsrecht für Arbeitnehmer in Pakistan ist schlecht und die meisten Menschen sind Tagelöhner, die jeden Tag erst nach erbrachter Arbeit ihren Lohn erhalten. Ohne zur Arbeit gehen zu dürfen, können diese Menschen kein Einkommen generieren, um sich Nahrung zu kaufen. Wozu dies führen kann, konnten wir in den vergangen Tagen in den Medien über die verzweifelte Situation auf den Philippinen erfahren. Bischof Samson Shukardin aus Hyderabad, Provinz Sindh, versucht, den hungernden Tagelöhnern zu helfen. Wir konnten ihn bereits bei der Beschaffung und Verteilung von Lebensmitteln unter den Ärmsten unterstützen. Denn es drohen Menschen mit und ohne Corona zu verhungern.

Video Interview mit Bischof Samson aus Pakistan

Zum Video

Es ist für uns alle gerade eine besondere Zeit, in der vorher für uns Unvorhersehbares und Unvorstellbares geschieht. Viele Menschen verbringen momentan viel Zeit zu Hause und haben Zeit über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken. Der Blick ist also scheinbar vor allem auf das Eigene gerichtet. Und gleichzeitig rückt die Welt auch ein Stück näher zusammen, hat man das Gefühl. Zum einen gibt es Zeichen von enormer Solidarität und Interesse für die Ärmsten der Armen. Das ist auf jeden Fall unser Eindruck im Bereich der internationalen Zusammenarbeit. Zum anderen schreitet die Globalisierung fort. Allein durch die enorme Nutzung von Internet sowie der digitalen Medien und Kommunikationsmitteln scheint in dieser „physisch kontaktarmen Zeit“ ein neuer Kontakt auf eine andere Art und Weise zu entstehen. Dessen wollten auch wir uns bedienen und freuen uns Ihnen dieses aufgezeichnete Interview mit Bischof Samson präsentieren zu dürfen.

Das Hauptanliegen war uns, einen Überblick über die aktuelle Situation in Pakistan zu bekommen. Wir wollten wissen, wie die Bevölkerung mit der aktuellen Lage umgeht, welche Maßnahmen bisher von Zivilgesellschaft, Regierung und der Katholischen Kirche erhoben wurden. Auch ein Update zu unserem Medical Camp Projekt konnten wir erhalten. Lesen Sie die Zusammenfassung des Interviews oder schauen sie dich das komplette 30-minütige Interview an.

In Pakistan wurde der erste Patient am 26. Februar positiv auf Corona getestet. Seitdem sind in den letzten zwei Monaten sind ca. 15.000 Menschen offiziell an dem Erreger erkrankt. Das letzte Update der Zahl der Toten am 30.04 ergab 384 Fälle. Seit mehr als einem Monat sind die Menschen nun im Ausgehverbot, dem Lock down, weshalb viele Menschen unter den Maßnahmen leiden. Nach offiziellen Angaben sind gestern, dem 30. April,  allein 24 Menschen gestorben, heute wurden bis zum Mittag bereits 18 Tote verzeichnet. Die Zahlen steigen kontinuierlich an, der Höhepunkt scheint aber noch nicht erreicht. Die Krankheit breitet sich sehr schnell aus.

Was die Maßnahmen der Regierung betrifft, so hat diese die Menschen aufgefordert zu Hause zu bleiben (wie bereits erwähnt gibt es seit einem Monat einen „Lock down“). Die Regierung arbeitet sehr hart in dieser Angelegenheit und tut innerhalb der begrenzten Ressourcen, die ihr zur Verfügung stehen, ihr Bestes um den Menschen zu helfen. Fakt ist leider, dass die Ressourcen nicht ausreichen, um genügend Tests zu machen. Derzeit werden 7.000 – 8.000 Menschen pro Tag auf den Virus getestet.

In der Provinz Sindh, die nahezu das halbe Land umfasst, sind nach Schätzungen 11 % der Bevölkerung positiv getestet worden, und die Zahl der positiven Fälle steigt stetig an.

Vor allem unter der Ausgangssperre leiden viele arme Menschen. Besonders die Tagelöhner haben große Schwierigkeiten, da sie ihrer Arbeit nicht nachgehen können und keine Möglichkeiten haben, Einkommen zu generieren und dementsprechend Geld für Nahrungsmittel zu haben. In Pakistan leben die Menschen in großen Familien mit durchschnittlich 7-8 Familienmitgliedern. Die Häuser der einfachen armen Bevölkerung sind zudem oft sehr klein, weshalb es schwer ist, nur im Haus zu bleiben, denn es fehlt an Platz. Die Regierung appelliert zwar an die Menschen zu Hause zu bleiben, aber aufgrund der Umstände verlassen die Bewohner ihre Häuser trotzdem und gehen arbeiten. Sie sagen: „Wenn wir zu Haus bleiben, sterben wir an Hunger!“ Die Regierung hat derzeit ein Hilfsprogramm eingerichtet, über das die Menschen mit ihrem Personalausweis Hilfe bekommen können. Da es aber wenige gibt, die überhaupt einen Personalausweis haben, wird damit nur ein kleiner Teil der Bevölkerung begünstigt. Zudem erlaubt die Regierung , das gewisse Rechnungen nicht gezahlt werden müssen (Strom etc.). Aber auch dies betrifft nur wenige, da die Ressourcen limitiert sind. Die Intention der Regierung ist gut, sie tut ihr Bestes. Morgen sollen die Preise des Benzins runtergesetzt werden, denn in der ganzen Welt sind die Preise gesunken.

Die Kirche versucht zu unterstützen, wo sie kann, aber auch ihr fehlen die Mittel. Viele Menschen aus den 18 Pfarreien seiner Diözese bitten Bischof Samson telefonisch um Hilfe, und jede Pfarrei drängt und bittet um finanzielle Unterstützung. Aber die Katholische Kirche in Pakistan hat ein anderes großes Problem. Seit dem vergangenen Jahr können internationale Gelder nicht mehr einfach auf nationale Konten überwiesen werden. Dafür muss ein spezieller Freistellungsbescheid der Regierung ausgestellt werden, der dann bei den Banken eingereicht wird. Diese Erlaubnis hat derzeit nur die Nuntiatur und einige internationale Organisationen, die noch im Land sind. Daher ist es derzeit schwer Gelder von außen für die Armen zu erhalten, und nur die Nuntiatur darf noch Gelder für die Unterstützung der Armen in den Diözesen Pakistans annehmen.

Die Reaktionen in der Bevölkerung auf die Situation sind unterschiedlich. Im Moment wissen die meisten nicht recht, was sie tun sollen. Wenn sie zu Hause bleiben, haben sie nicht genügend Mittel um überleben zu können. Aber sie haben auch Angst raus zu gehen und sind unsicher, was geschieht, wenn sie das Haus verlassen. Gleichzeitig möchten die Menschen aber lieber rausgehen und arbeiten, als im Haus zu bleiben und womöglich an Hunger zu sterben. Dementsprechend hat die Regierung einige Verbote gelockert. So dürfen manche Geschäfte zu bestimmten Zeiten öffnen. Jeden Tag gibt es neue Informationen und man muss einfach abwarten und schauen, was passiert.

Die Regierung kommuniziert so gut sie kann. Alle Mittel die sie haben nutzen sie, aber die Bevölkerung ist groß, die Zahlen der Kranken sind hoch und das Gesundheitssystem ist der Situation nicht gewachsen.

Daher ist es wichtig, dass die Kirche den Armen hilft und unterstützt. Aber auch für die Kirche ist es zu schwer, denn die Mittel fehlen. Es werden daher alle möglichen Hilfsquellen angesprochen. Und den Ärmsten der Armen, die keine Arbeit haben, wird vorrangig geholfen. Aber es reicht einfach nicht und es wird mehr benötigt.

Der größte Bedarf besteht derzeit an Nahrungsmitteln. Es fehlt Vieles, aber Nahrung für das tägliche Überleben ist am dringendsten. Selbstverständlich wird auch medizinische Hilfe benötigt. Diese wird aber nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen anderen Krankheiten benötigt. Und dafür gibt es nicht genug Ressourcen.

Was die Zukunft bringt weiß man nicht. Einige Geschäfte werden nach und nach öffnen und langsam wird es Lockerungen geben, der Rest muss abgewartet werden.

Das von vision:teilen jährlich unterstützte Project „Medical Camp“, dass seit 10 Jahren läuft, kann derzeit nicht stattfinden. Es ist eine Art kostenlose Ambulanz, die die Dörfer der Grenzregion abfährt und eine ambulante freie medizinische Behandlung anbietet.

Es werden hier Medikamente an mittellose Menschen verteilt, ohne dass diese dafür zahlen müssen. Viele von ihnen leben noch in Schuldsklaverei. Aufgrund der Ausgangssperre darf der Bus mit dem Arzt, der Krankenschwester und den Gesundheitshelfern derzeit nicht in die Dörfer fahren. Dies soll jedoch weitergehen, sobald die Ausgangssperre aufgehoben sein wird.

Deutlich wurde im Gespräch, dass die Pandemie nur ein zusätzliches Problem zu all der Armut und den medizinischen Problemen ist, die ohnehin in Pakistan das Leben der meisten bestimmen. 

Wir danken Bischof Samson für seine Zeit, seine Bemühungen für die Armen und den Einblick in die derzeitige Realität Pakistans!


Zu den Teilnehmern:

Br Peter Amendt ist Franziskanerbruder, Mitgründer und seit vielen Jahren Leiter von vision:teilen eine Franziskanische Initiative gegen Armut und Not e.V. Er kennt Bischof Samson seit vielen Jahren. Er hat das Gespräch mit Bischof Samson heute übersetzt. Vielen Dank dafür!

Bischof Samson ist Bischof der Diözese Hyderabad, sie liegt in der Provinz Sindh im Südosten Pakistans. Vision:teilen arbeitet seit über 10 Jahren mit ihm zusammen. Er baute und baut immer noch, ohne dabei müde zu werden, Brücken zwischen verschiedenen Religionen und Ethnien. In seinen Projekten steht immer der Mensch im Vordergrund. Eine Vielzahl der Begünstigten der Projekte nahe der Grenze zu Indien ist indigenen Ursprungs und weder muslimisch noch christlich. Die Projekte sollen aber auch gleichermaßen Christen und Muslimen zugutekommen. Bischof Samson besucht uns in der Regel mindestens einmal pro Jahr. Wenn er seine Reisen nach Rom macht, kommt er auch in Düsseldorf vorbei und erfreut uns mit seinem Besuch.

Manuela Vollbrecht ist Projektreferentin für Internationale Projekte und damit für die Projektabwicklung, Kommunikation mit den Partnern und Spendern sowie für sämtliche internationale Angelegenheiten bei vision:teilen zuständig.

Uganda:

Nach dem Auftreten der ersten Corona-Fälle ist mittlerweile auch in Uganda eine komplette Ausgangsperre verhängt worden. Zunächst waren nur Schulen und Universitäten sowie die Geschäfte geschlossen, dann wurden teilweise die öffentlichen Verkehrsmittel stillgelegt. Mittlerweile darf niemand mehr das Haus verlassen und es dürfen nur noch Autos der Regierung sowie die Boda Bodas (kleine Motoradtaxis) unterwegs sein. Die von diesem Verbot ausgeschlossenen Berufsgruppen sind Ärzte, Sicherheitspersonal, Bänker. Daraufhin folgte ein lauter Aufschrei der Journalisten, die inzwischen Sonderarbeitsgenehmigungen erhalten haben. Das Land und seine Bevölkerung sind durch die unklare Kommunikation und fehlende Transparenz der Regierung sehr verunsichert und die Panik steigt derzeit zu einem gefährlichen Niveau. Wer nicht genügend Lebensmittel im Haus hat, hat die Möglichkeit diese über die Boda Bodas (Motorrad-Taxis) zu bestellen, aber das kann nur, wer ausreichend Bargeld zur Verfügung hat. Für die vielen Tagelöhner spitzt sich daher auch hier die Sachlage zu. Die Situation ist jeden Tag angespannter und die sozialen Auswirkungen und die Angst zu verhungern scheinen inzwischen ebenso akut und gefährlich zu sein wie die Angst an Corona zu erkranken. Panik macht sich breit und droht die Situation weiter zu eskalieren. Denn auch das Gesundheitssystem in Uganda ist nicht vorbereitet. Die Krankenschwestern und –pfleger haben Angst sich den Patienten zu nähern, um sich nicht selbst anzustecken, denn es fehlt an Vielem, vor allem an Schutzkleidung. Dadurch bleiben die Patienten selbst im Krankenhaus unversorgt. Und wer kein Geld hat bzw. nicht einmal ins Krankenhaus oder das nächste Zentrum kommt, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, kann ohnehin nicht behandelt werden.

Seit ein paar Tagen scheint die Regierung Essen in den ärmsten Gegenden zu verteilen, aber das Land ist groß und zur armen Bevölkerung zählen viele. Bisher hat die staatliche Versorgung daher nur rund 5% der Menschen erreichen können.
Zusätzlich ist Uganda derzeit aber auch im Wahlkampf. Für Februar 2021 sind Wahlen angesetzt und Präsident Yoveri Museveni, der das Land autoritär führt, muss in dieser Situation beweisen, was er dem Land zu bieten hat. Das Zugeständnis an die Journalisten durch die Sonderarbeitsgenehmigungen ist ein kleiner Schritt in eine wichtige Richtung.. Die Belastung für die Bevölkerung wird von Tag zu Tag jedoch unerträglicher, lebt doch das ganze Land ohne eigenen Hafen von den Gütern des Transitverkehrs der LKWs und Busse. Unsere Partner wissen nicht, wie es weitergeht. Der Überlebenskampf wird von Tag zu Tag härter und schwerer, ohne dass Aussicht auf Besserung besteht.



Kenia:

In Kenia sind die Sicherheitsvorschriften im Vergleich zu Uganda noch relativ locker im ostafrikanischen Vergleich. Die Vorschriften sind ähnlich wie bei uns in Deutschland. Schulen und Universitäten sind geschlossen, Versammlungen wurden stark eingeschränkt (beispielweise sind nur noch private Gottesdienste bis maximal 10 Personen zugelassen), aber Märkte, Lebensmittelläden und Apotheken sowie Läden, die die wichtigsten Güter für den Alltagsbedarf anbieten, dürfen bisher weiterhin geöffnet bleiben. Auch die meisten Berufe dürfen weiter ausgeführt werden, wenn auch mit einigen Einschränkungen. So darf man in Kenia das Haus nicht mehr ohne Mundschutz verlassen.


Manche Städte, die besonders vom Virus betroffen sind, sind zudem komplett verriegelt. So darf beispielsweise niemand mehr aus bzw. nach Nairobi aus-/einreisen. In einigen Regionen haben inzwischen die Gouverneure Maßnahmen ergriffen um der ärmsten Bevölkerung zu helfen. In El Doret und Mombasa werden der Bevölkerung Lebensmittel von der Regierung zur Verfügung gestellt.
Noch hat die Gesundheitskrise nicht die einfache Bevölkerung massiv betroffen, aber die Angst ist groß, zumal es in den großen Slums nicht möglich ist, Abstand voneinander zu halten und die Hände immer wieder zu waschen, während in Wirklichkeit nicht ausreichend Wasser zur Verfügung steht. Deutlich ist: Wir stehen hier erst noch am Anfang der Krise.


Demokratische Republik Kongo:

Die Nachrichten über die Corona-Gefahr verursachen auch im Kongo große Ängste. Hier ist mittlerweile ebenfalls eine Ausgangssperre verhängt worden. Geistliche haben jedoch viele Freiheiten und Möglichkeiten sich weiter zu bewegen und ihren Tätigkeiten nachzukommen. Ebenso heißt es, dass die Infektionen vor Ort begonnen haben. Niemand weiß, wie dies angesichts des täglichen Chaos, einer fehlenden, wirklich demokratisch legitimierten Regierung sowie der schlechten medizinischen und generellen Infrastruktur weitergehen wird. Es fehlt zudem an allem: Mundschutz, Seife, Medikamente. Im Rahmen des Möglichen wird jedoch versucht Abstand zu halten und die Hygienevorschriften, wo möglich, in die Tat umzusetzen. Große Auswirkungen und viele Tote sind zu befürchten, da es kein breitenwirksames funktionierendes Gesundheitssystem gibt.

Peru:

Auch in Peru wurde der Notstand ausgerufen. Alles ist geschlossen, allem voran die Schulen, Universitäten und Kirchen. Lediglich Märkte, Krankenhäuser und Apotheken sind noch geöffnet. Der Präsident ist ratlos, welche Maßnahmen er erheben soll, denn die Bevölkerung begehrt auf und hält sich kaum an die derzeitigen Vorschriften. Momentan wurde eine komplette Ausgangssperre für die Nacht verhängt. Von 18 Uhr abends bis 5 Uhr morgens darf niemand das Haus verlassen. Im Norden des Landes, wo es die meisten Verstöße gegen die Vorschriften gab, ist der Zeitraum von 16 Uhr bis 5 Uhr morgens festgelegt. Zudem dürfen montags, mittwochs und freitags nur Männer auf den Straßen unterwegs sein, dienstags, donnerstags und samstags hingegen nur die Frauen. Sonntags gibt es eine komplette Ausgangsperre für die ganze Bevölkerung. Menschen über 70 Jahre dürfen überhaupt nicht mehr das Haus verlassen. Seit diesem Montag dem 6. April sollen die Schulen mit virtuellem Unterricht beginnen. Jedoch fehlen den staatlichen Schulen die nötigen digitalen Hilfsmittel, und den Kindern aus Armutsfamilien sowieso. Die Polizei ist ständig im Einsatz und kontrolliert sehr genau, dass niemand auf den Straßen ist. Auch hier sind diejenigen, die notgedrungen von der Hand in den Mund leben oder in dichtgedrängten Slumhütten wohnen, am meisten betroffen. Die Zahlen der Infizierten und Todesfälle steigen ständig, und die Restriktionen für das Leben werden von Tag zu Tag enger und belastender.


Brasilien:

Die besten – und zugleich tiefbedrückenden – Informationen kommen aus Brasilien, wo die Regierung mit dem Präsidenten an erster Stelle sich weigert, die Gefährlichkeit des Virus anzuerkennen. Die detaillierten Nachrichten aus dem Bundesland Bahia lassen Schlimmes für die nahe Zukunft erwarten. Dort heißt es:

„In Brasilien ist Corona erst in der letzten Woche offiziell „angekommen“. Der Präsident, Bolosnaro hat die Situation bis Donnerstag bagatellisiert und es als Medienpanik abgetan. Er sprach von dem Virus als eine „gripezinha“, ein Grippchen.

Die Gouverneure haben mittlerweile jedoch reagiert und am Montag dem 23.03 wurden zunächst Schulen geschlossen und öffentliche Veranstaltungen abgesagt. Mittlerweile haben auch die meisten Gouverneure eine Ausgangsperre verhängt. Der Präsident wollte diese zunächst überall wieder aufheben. Mit dem Slogan seiner „Kampagne“ „Brasilien darf nicht stillstehen“ ist er jedoch auf  erheblichen Widerstand gestoßen. Die Gouverneure haben sich durchgesetzt und auch Bolsonaro ändert derzeit seinen Blick auf die Geschehnisse. Ob die Situation weiterhin so  absurd ist, dass der Virustest nur an Personen durchgeführt werden darf, die bereits Anzeichen der Krankheit zeigen, wissen wir nicht. Wir hoffen, an dieser Vorschrift der vergangenen Woche hat sich mittlerweile etwas geändert. Was die Tests betrifft, hätte Brasilien schon im Februar mit der Produktion von Tests beginnen können, die technischen Voraussetzungen wären vorhanden gewesen. Damals winkte der Präsident jedoch ab: Horrorpropaganda der Lügenpresse. In Bahia müssen die Proben 525 km nach Salvador geschickt werden, von wo dann das lokale Krankenhaus nach einigen Tagen das Resultat erhält.

Trotz des schon vom Gesundheitsministerium ausgesprochen Verbotes von großen Versammlungen, hält sich u.a. die Regierung selbst nicht daran, veranstaltet Kundgebungen und Bolsonaro zeigt sich noch immer auf Selfies in der Menge mit breitem Lächeln.

Und niemand redet von den Favelas, in denen 13 Millionen Brasilianer leben. Dort ist Versammlungsverbot, Abstand und Hygienevorschriften einzuhalten ein frommer Wunsch. Die Häuser dicht gedrängt, auf den schmalen, steilen Trassen kommt man nur eng aneinander vorbei und täglich gibt auf allen Fernsehsendern Reportagen, wie diese Menschen oft wochenlang kein Wasser zu Hause haben. Händewaschen ist hier daher nicht möglich und für Desinfektionsmittel fehlt das Geld.

Die Großstädte haben in der vergangenen Woche begonnen Krankenzentren einzurichten und sich auf die vielen Fälle vorzubereiten. In Sao Paolo wurde beispielsweise das Fußballstadion in ein Lazarett umgebaut, in dem die weniger schweren Fälle isoliert und behandelt werden können.

Was jedoch die Beatmungsgeräte angeht, die bei 15 % der Patienten notwendig sind, um das Leben zu retten, so verfügen etwa 60 % der brasilianischen Gemeinden, in denen 33,3 Millionen Menschen leben, über keinerlei Beatmungsgeräte in ihren Gesundheitseirichtungen. Die meisten Geräte befinden sich in den Städten.  Die medizinische Wüste konzentriert sich hauptsächlich auf die Regionen Norden und Nordosten.“

 

Tadschikistan

Über Tadschikistan können wir berichten, dass die Corona Welle dort bevorsteht. Während das Land bislang aufgrund der geographischen Isolation relativ verschont blieb, schwappt die Welle nun durch die heimkehrenden Arbeiter aus Russland über. Zwar wurden diese streng kontrolliert und unter katastrophalen Verhältnissen in ein Tal in Quarantäne geschickt, jedoch mehren sich Zeichen eines bevorstehenden Ausbruchs. Die Grenzen wurden nun komplett geschlossen, ebenfalls der Flughafen.

Zahlreiche internationale, meist europäische Entwicklungshelfer saßen daher fest und konnten das Land nicht mehr verlassen. Gleichzeitig ist das Gesundheitssystem kaum auf das Ausmaß der medizinischen Herausforderung vorbereitet. Es fehlen Intensivplätze, Beatmungsgeräte - wie eben auch weltweit - und die notwenige Kapazität an Sauerstoffversorgung. 

Dr. Martin Kamp, der Leiter unseres TajikAid Projektes wollte ohnehin die Sauerstoffanlage in Duschanbe aufrüsten, die bereits seit 2016 in Betrieb genommen wurde. Nun aber war Eile geboten, um die erforderliche Zahl an Beatmungsplätzen zu schaffen. An der Stelle ist es gut, Kontakte zu haben, die Dr. Martin Kamp für den Fall nutzen konnte. Und so gelang es am 08.04.2020 in einer gut vorbereiteten Aktion, einen Charterflug der tadschikischen Gesellschaft zu nutzen, um die verbliebenen Ausländer aus Dushanbe nach München zu bringen und gleichzeitig unser Material für die Sauerstoffanlage nach Dushanbe zu transportieren, die dann auch ohne weitere Formalitäten in das Land eingeführt werden durfte. Zoll ist nämlich sonst ein sehr umfangreiches Thema ...

Es war ein wenig Networking gefragt, aber wir sind froh und danken allen Beteiligten, dass es gelang. Der nächste Schritt wird nun sein, dass zwei Techniker dorthin reisen, um die Anlagen zu prüfen und in Stand setzten. Die Reise soll auch kurzfristig gelingen. Daran arbeite Dr. Martin Kamp schon. 

Update: 24.05.2020

Zentralasien – ein vergessenes Epizentrum der Covid-19-Pandemie

Während Deutschland ins Leben zurück findet und das Gesundheitssystem nicht über seine Grenzen belastet wurde, werden Beschränkungen für Bürger und Unternehmen gelockert. Der funktionierende Sozialstaat federt die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie ab.

Dagegen verlagern sich die Epizentren in die armen Regionen der Welt: Südamerika, Afrika, Zentralasien. Das Corona-Virus hat dort verheerende Auswirkungen und führt zu Worst-Case-Szenarien, die hierzulande bestenfalls als Randnotiz wahrgenommen werden.

Als einer der weltweit letzten Staaten meldete Tadschikistan am 30. April 2020 die ersten Covid-19-Fälle. Zu diesem Zeitpunkt waren die Flughäfen und Grenzen des Landes bereits seit Wochen geschlossen. 14-tägige Quarantänemaßnahmen wurden ausnahmslos für alle vorgeschrieben, die das Land noch erreichten, darunter viele heimkehrende Gastarbeiter aus Russland, deren Einnahmen den Familien nun fehlen. Anzunehmen ist jedoch, dass die Pandemie das Land bereits weit früher erreichte – aber es fehlte der Nachweis, und bislang (Stand: 20. Mai 2020) ist die Laborkapazität mit nur ca. 250 Tests pro Tag sehr gering, so dass die offiziellen Zahlen die Situation nicht annähernd widerspiegeln.

Tadschikistan hat 9 Mio. Einwohner, aber kaum Beatmungsmöglichkeiten oder Intensivstationen. In den Kliniken ist die Situation bereits zwei Wochen nach dem Ausbruch katastrophal: Fehlende Medikamente, Schutzausrüstung und Medizintechnik lassen eine geordnete medizinische Versorgung nicht mehr zu, dabei ist der Andrang auf die Klinken sehr groß. Es fehlt an Seife, Desinfektionsmitteln und Sauerstoff. Selbst wenn man internationale Hilfsgelder für den Einkauf von Medizintechnik nutzen wollte: Der Weltmarkt für Beatmungsgeräte wurde von den Industrienationen auf absehbare Zeit leer gekauft. Durch Hamsterkäufe gehen lokalen Apotheken die Medikamente aus. Die Lebensmittelpreise sind gestiegen. Die Erkrankung geht durch alle Schichten, es sterben viele junge Menschen, bedeutende Personen des öffentlichen Lebens, Lehrer, Imame, Ärzte. Niemand ist sicher und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Weltbank erwartet in Tadschikistan auf Basis der verfügbaren Daten zwischen 72.000 und 230.500 schwere COVID-19-Infektionen, etwa 13.600 bis 43.500 kritische Infektionen, die eine Intensivpflege erfordern, und 6.600 bis 21.000 Todesfälle (siehe „Tajikistan Emergency Covid 19 Project“ vom 2. April 2020, als PDF abrufbar unter:

http://documents.worldbank.org/curated/en/756331585951394674/pdf/Tajikistan-Emergency-COVID-19-Project.pdf

Für den 16. Mai 2020 war eine neue Mission von TajikAid geplant, die aufgrund der Pandemie leider nicht stattfinden konnte. Dabei ist Hilfe nötiger denn je. Wir unterstützen deshalb aus der Ferne aktuell einen Transport von Schutzausrüstung nach Tadschikistan und helfen bei der Wiederherstellung mehrerer Sauerstoffanlagen in Kliniken, um die dringend nötige O2-Produktion zu sichern und erweitern.

Wir bitten Sie um Ihre Hilfe: Mit Ihrer Spende können Schutzausrüstung, Seife, Desinfektionsmittel, Ersatzteile für Medizintechnik, Verbrauchsmaterial und vieles mehr beschafft werden, das Covid-19-Patienten und Ärzte in Tadschikistan dringend brauchen. Vielen Dank!

Weiterführende Links:

Die Vereinten Nationen (UN) berichten wöchentlich über die Entwicklung der Lage in Tadschikistan: https://untj.org/?page_id=12704.

// Dr. Martin Kamp - Projektleiter TajikAid

 

... und dies ist erst der Anfang.

Wir alle spüren die Unsicherheit und Verängstigung, die schon jetzt der neuartige Virus in aller Welt verbreitet. Schon jetzt können wir sagen, obwohl wir in vielen Ländern gleichsam zeitverzögert noch am Anfang stehen: Corona hat unsere Welt zu einer anderen gemacht.  Was die Konsequenzen sein werden, ist einfach noch nicht abzusehen. Denn nicht nur die Volksgesundheit praktisch aller Länder wird auf ihre härteste Probe seit Menschengedenken gestellt, sondern auch die nationalen und internationalen wirtschaftlichen Folgen übersteigen schon jetzt alles Vorhergewesene. Ohne Zweifel verändert Corona unsere Welt. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen nach Corona mehr Verständnis füreinander aufbringt und Solidarität eine höhere Stellung bekommt – und das wir schon jetzt, während der Krise, an die denken und denen die Hand reichen, die sie am dringendsten brauchen, national wie international, über die Kontinente und ihre eigenen Sorgen hinweg.


Für weitere Informationen steht Ihnen unsere Projektreferntin zur Verfügung:

Kontakt:



Manuela Vollbrecht
0211-6683373
projekte(at)vision-teilen.org

Manuela ist Projektreferentin mit dem Schwerpunkt Auslandsprojekte. Die gelernte Diplom Regionalwissenschaftlerin für Lateinamerika hat seit Beendigung ihres Studiums Projekterfahrung in unterschiedlichen Ländern Lateinamerikas und Westafrikas gesammelt. Ihre thematischen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Ernährungssicherung, Landrechte, Klimawandel und REDD+.

 

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