Im Interview: Partnerin Maria Oberhofer

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Maria Oberhofer arbeitet und lebt in Brasilien als Entwicklungshelferin für Kleinbauern. Sie arbeitet bei der Nichtregierungsorganisation IRPAA.

Maria Oberhofer arbeitet und lebt in Brasilien als Entwicklungshelferin für Kleinbauern. Sie arbeitet bei der Nichtregierungsorganisation IRPAA . Sie ist langjährige Partnerin und wird unterstützt von vision:teilen. Sie hat uns im November in Düsseldorf besucht, da sie für den Agiamondo-Engagement-Preis[1], der ehemaligen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH), nominiert wurde und diesen Ehrenpreis auch gewonnen hat.

Nominiert für den ersten AGIAMONDO-Engagementpreis waren Manfred Rink, Father Peter Koneth und Maria Oberhofer, die - laut Jury - alle den Preis verdient hätten.

Liebe Maria, Herzlich willkommen bei uns in Düsseldorf! Wie schön Sie hier begrüßen zu dürfen. Sie sind derzeit auf Besuch in Deutschland, arbeiten und leben aber schon seit vielen Jahren in Brasilien. Bitte geben Sie uns doch eine kurze Einführung in ihre Tätigkeit und das Projekt, für das Sie arbeiten.

Hallo Manuela. Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr hier in Düsseldorf zu sein. Gerne berichte ich erst einmal über die Arbeit. Sie wird in verschiedenen thematischen Bereichen durchgeführt:

  • Landfrage, Recht auf Land und vor allem auch die angepasste Landgröße aufgrund der klimatischen Bedingungen.
  • Kenntnisse über das halbtrockene (semiaride) Klima und Wasserversorgung auf verschiedenen Ebenen: Trinkwasser, Wasser für die Tierhaltung, für Produktion, Gebrauchswasser sowie für die großen Trockenperioden. Neben der Notwendigkeit des klimagerechten Auffangens und der Nutzung von Regenwasser, wird die nachhaltige Nutzung der unterirdischen Wasservorkommen vermittelt.
  • Angepasste Tierhaltung und Landwirtschaft, mit dem Hauptaugenmerk vor allem auf die Ziegen- und Schafhaltung, Hühner- und Bienenzucht sowie den Anbau von dürreresistenten Pflanzen. Hierbei ist ein weiterer wichtiger Punkt die Weiterverarbeitung der regionalen Wildfrüchte sowie die Aufforstung des heimischen Bioms Caatinga.
  • Bei der kontextgerechten (an die Realität angepassten) Schulbildung soll die Realität der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt und Lerninhalte vermittelt werden, die ihre Lebenssituation einschließt. Zudem ist es wichtig, dass populäres Wissen mit im Schulunterricht eingebunden wird. Über lange Zeit fand in den Schulen realitätsferner Unterricht statt, der die Kinder und Jugendlichen oft dazu bewog, nach der Volljährigkeit in die Großstädte abzuwandern.
  • Der Kommunikationsbereich ist strategisch wichtig, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass es, entgegen den Veröffentlichungen in den Massenmedien, möglich ist, im semiariden Gebiet gut zu leben, wenn der Klimarealität entsprechend gelebt und produziert wird. Außerdem ist es wichtig, die Verletzungen der Menschenrechte von ländlichen Familien in die Öffentlichkeit zu bringen.

Wichtig sind auch die Arbeiten zu Genderfragen (Querschnittsthema), vor allem die Rolle und Aufgabe von Frauen und Männern; die Arbeit mit Jugendlichen, denn sie soll vor allem einen Beitrag dazu leisten, dass die jungen Menschen ihren Platz in der Region finden und sich nicht gezwungen fühlen, in die Großstädte abzuwandern. Auch die Sorge um den Erhalt und Schutz der Umwelt, der Biome besonders der Caatinga (heimisches Biom) und des Cerrado (Savanne) sowie die Stärkung der Basisorganisationen, wie Bauernvereinigungen, Dorfgruppen, kirchliche Gruppen, Genossenschaften und soziale Bewegungen sind Grundpfeiler und Motivation unserer Arbeit.

Es wird großer Wert daraufgelegt, dass die Menschen die Themen auch wirklich verstehen, denn sie werden als MultiplikatorInnen diese Kenntnisse in ihrer Dorfgemeinschaft weitergeben. Dafür erhalten sie dann auch Arbeitshefte, die die gleichen Zeichnungen und Illustrationen beinhalten, wie diese zuvor während der Schulungen verwendet wurden. Für diese Zielerreichung nutzen wir auch praktische Methoden wie kurze dramaturgische Inszenierungen von populärem Volkstheater, um die Themen verständlich und anschaulich zu machen und in den Kontext des Alltags einzubauen.


Können Sie das Konzept der "Convivência" noch einmal genauer erläutern?

„Convivência“ wird mit Zusammenleben, Koexistenz aber auch Interaktion übersetzt. Wie bereits erwähnt geht es hier darum, im Einklang mit dem semiariden Klima zu leben. Unser Hauptziel mit der Arbeit ist es, dass gelernt wird, die unterschiedlichen Themenbereiche der Konviventia innerhalb des und mit dem semiariden Klima als universell zu verstehen, und dass sie öffentlichen Eingang in die Entwicklungspolitik finden.

Es geht hier vor allem darum, im Einklang mit der Natur und den gegebenen Klimabedingungen zu leben, die klimatischen Gegebenheiten verstehen zu lernen und sich den Umstanden anzupassen, um so eine höhere Lebensqualität zu erreichen. Leider herrscht in vielen Teilen der Welt und auch im Großteil Brasiliens der Glaube, dass man das Klima an die eigenen Wünsche anpassen sollte und kann. Das ist nicht die Idee des Zusammenlebens, von der wir sprechen, und sie führt leider meist zu der Zerstörung einer für Menschen bewohnbaren Umgebung.


Wie lange sind Sie schon in dem Projekt tätig und welche Erfolge können Sie sehen?

Ich selbst bin seit 25 Jahren bei IRPAA tätig. Die größten Erfolge sind zu verzeichnen, wenn die Familien erkennen, dass das klimagerechte Leben für alle Seiten einen Gewinn darstellt und es die einzige Möglichkeit ist, eine langfristige Bewohnbarkeit der Region zu gewährleisten und gleichzeitig eine steigende Lebensqualität erreichen zu können. Notwendig hierfür ist es, dass die Menschen selbst diese Kenntnisse weitergeben können und müssen, als wären es ihre eigenen Erkenntnisse. Es ist sozusagen eine Mischung aus altem und neuen Wissen, denn sie bringen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre bisherige Lebens- und Produktionsweise ja auch mit.

Erfolge die wir als Beispiele heranziehen können sind beispielsweise:

  • die große und anhaltende Dürreperiode Anfang der 80er Jahren verglichen mit späteren Dürren. Anfang der 80er Jahre starben im Nordosten Brasiliens 1 Million Menschen an den Folgen der Dürre. Während der Dürrejahren 2009 bis 2015 waren keine menschlichen Todesopfer mehr zu beklagen.
  • Die Frauen sind im Allgemeinen zuständig für den häuslichen Trinkwasserbedarf. Daher mussten viele Frauen ihr gesamtes Leben lang täglich 1, 2, 10 und manchmal auch mehr Kilometer zu einem Wasserloch gehen, um das Wasser auf dem Kopf in Eimern heimzutragen. Laut Landwirtschaftsinstitut Embrapa verbringt eine Frau, die täglich 3 km zum Wasser gehen muss in einem Jahr 3 Monate dazu, um Wasser zu holen. Wenn diese Frau 60 Jahre alt ist. hat sie 15 Jahre ihres Lebens damit verbracht, Wasser zu holen. Durch den Bau von Regenwasserzisternen gibt es jetzt Wasser neben dem Haus und durch die gewonnene Zeit können Frauen beispielsweise zur Schule zu gehen, wofür sie vorher nicht die Möglichkeit hatten.[1]
  • Schulunterricht: Die Schulbücher kommen bisher aus dem Süden Brasiliens oder der Küstenzone. Der Schulunterricht war daher realitätsfern, denn der Süden des Landes ist in keiner Hinsicht mit dem Norden vergleichbar. Durch Schulungen von Lehrkräften über die Notwendigkeit der Konviventia mit dem semiariden Klima, realitätsnahem Schulunterricht, an die Realität des Trockengebietes angepasstes didaktisches und pädagogisches Material und Schulbücher, konnten sich die Kinder und Jugendlichen wiederfinden. Es wurde plötzlich von Ihrer Realität gesprochen und diese berücksichtigt. Früher hatten die Kinder und Jugendlichen den Wunsch, schnell volljährig zu werden, um in Großstädte abzuwandern. Heute erkennt ein Teil dieser jungen Menschen, dass es möglich ist, auch im halbtrockenen Gebiet Brasiliens gut zu leben, wenn die jeweilige Realität berücksichtigt wird.

Abgesehen von der Unregelmäßigkeit des Regens, ist die Landfrage die größte Herausforderung für die Familien. Denn obwohl diese Familien, gerade in den traditionellen Landgemeinden seit Jahrzehnten in diesen Dorfgemeinschaften leben oder seit Generationen, wird vielen das Recht auf Land nicht gewährt.

Daher bezog sich mein Einsatz in den letzten 10 Jahren vorrangig auf die Begleitung und Beratung der kleinbäuerlichen Familien, besonders in den traditionellen Landgemeinden der Fundo de Pasto (= Gemeinschaftsweideflächen), in der Begleitung zu Landrechtsfragen, zur Eigenidentifizierung als traditionelle Landgemeinden, in der Organisierung der sozialen Bewegungen der Bevölkerung in den Landgemeinden, Bauernvereinigungen, u.v.m.

Es ist eine Arbeit, die nicht in einem kurzen zeitlich begrenzen Fachkrafteinsatz zu einem Erfolg führen kann, denn gerade Menschen, deren Grundrechte nicht gewährleistet werden, müssen über pädagogische Arbeit und mit viel Geduld erst auf ihr Recht aufmerksam gemacht werden. Denn es ist nicht damit getan, dass sich ein Rechtsanwalt für die Garantie ihrer Rechte einsetzt. Die Menschen der Dorfgemeinschaft müssen erkennen, dass sie selbst die Protagonisten sind. Der Beistand und Unterstützung von Dritten sind sehr wichtig, jedoch immer eine begleitende Maßnahme, die zur Bewusstseinsbildung der Familien des Dorfes beiträgt. Dazu muss eine Vertrauensbasis aufgebaut werden, die nicht zeitlich begrenzt werden kann. In der speziellen Realität der Garantie um das Recht auf Land und den Einfluss auf öffentliche Entwicklungspolitik, muss beispielsweise die Geschichte der Kolonisierung erarbeitet werden, die die Ursache von Landkonzentration und Großgrundbesitz ist.

Die Gemeinschaftsweideflächen ‚Fundo de Pasto‘ sind in der Landesverfassung des Bundeslandes Bahias von 1989 rechtlich geschützt. Im Jahre 2013 wurde ein zusätzliches Gesetz verabschiedet, das die Zertifizierung der Dorfgemeinschaften als traditionelle Gemeinschaftsweidefläche ‚Fundo de Pasto‘ vorsieht. Dafür müssen sich die Landgemeinden eigen-identifizieren und danach einen Antrag auf Zertifizierung bei der zuständigen Regierungsbehörde, der Secretaria de Promocao de Igualdade Racial (SEPROMI – Sekretariat zur Förderung der Rassengleichheit - im Bundesland Bahia) stellen.

Die Anerkennung wurde gesetzlich zeitlich begrenzt. Die Frist war auf dem 31. Dezember 2018 festgesetzt, was jedoch von den sozialen Bewegungen und Organisationen als verfassungswidrig angesehen wird, weil ein Recht nicht zeitlich begrenzt werden kann. Das Recht auf Eigenidentifizierung und Eigendemarkierung des Landes von traditionellen Dorfgemeinschaften ist auch in internationaler Gesetzgebung verankert, beispielsweise in der ILO, Konvention 169.

Es wird angenommen, dass es im Bundesland Bahia weit über 1.200 Dorfgemeinschaften gibt, die die Charakteristik einer Gemeinschaftsweidefläche haben, jedoch ist die Möglichkeit zur Eigenidentifizierung vielen Familien und Dörfern gar nicht bekannt.

Mit dem zusätzlichen Druck durch das Ende der Frist, wurden in den letzten 2 Jahren die Arbeiten und Begleitung der Dorfgemeinschaften hinsichtlich der Vertiefung dieser Themen intensiviert.

Von den Dorfgemeinschaften, die begleitet werden und in verschiedenen Besprechungen, Versammlungen und Treffen wurde auf die Wichtigkeit der Zertifizierung als traditionelle Landgemeinde hingewiesen. So haben 135 traditionelle Gemeinschaftsweideflächen Anträge auf Zertifizierung bei der zuständigen Regierungsbehörde SEPROMI eingereicht.

110 traditionelle Gemeinschaften von Weideflächen stellten bei der zuständigen Regierungsbehörde, der Koordinierung für ländliche Entwicklung (CDA), einen Antrag auf Vermessung der gemeinschaftlich genutzten Weidefläche.

Ein wichtiger Beitrag der Mitarbeit ist auch die Stärkung der sozialen Organisierung der Familien und Dorfgemeinschaften. Dies ist vor allem bei Landgemeinden wichtig, die sich in Konfliktsituationen befinden und bedroht werden, ihr Land und Gemeinde verlassen zu müssen, um Landspekulanten, Großunternehmen, Erzabbaufirmen, etc. weichen zu müssen.

Von großer Notwendigkeit ist die Advocacy Arbeit (Anwaltschaft) und der bilaterale Austausch mit Solidaritätsgruppen in Europa. Die Erfahrung zeigt, dass dies sehr hilfreich ist. Einerseits, um bei Konfliktfällen auch internationalen Druck ausüben zu können und andererseits, um die Öffentlichkeit in Europa über die reale Lage in Brasilien auf dem Laufenden zu halten.


Das klingt sehr beeindruckend! Gibt es denn auch Rückschritte?

In Brasilien ist die kapitalistische Krise greifbar; sie zeigt sich in der Ökonomie, Ökologie, in der Kultur und vor allem auch im sozialen Sektor. Brasilien geht seit 2016 in die Richtung eines sich auflösenden Staates.

Seit dem Amtsentzug von Präsidentin Dilma im August 2016 gibt es leider ständig Rückschritte.

Diese treffen im Besonderen die ärmere Bevölkerung und Familien der traditionellen Landgemeinden. Bereits errungene Rechte werden wieder abgebaut.

Unglaublich, wenn bedacht wird, dass die Militärdiktatur erst vor etwas über 30 Jahre zu Ende ging und es ein großes Bestreben der sozialen Bewegungen und Organisationen war, um Menschenrechte zu kämpfen. Aber seit Ende 2016 wurde gerade im Sozialbereich erheblich gekürzt, weil es angeblich an Mitteln fehlt. Deutlich wurde, dass es darum geht, die Sozialprogramme nicht vollständig aufzuheben, denn dann wür­de die Bevölkerung demonstrieren und Widerstand leisten. Jedoch wurden bestimmte Bereiche der­artig gekürzt, dass es eigentlich schon als Aufhebung dieser Maßnahmen bezeichnet werden kann.

Zum anderen wird privatisiert bis zum geht nicht mehr. Das Land und besonders die natürlichen Ressourcen werden verkauft, vor allem um ausländische Investoren anzulocken.

Sie haben es schon angedeutet: Die aktuelle politische Situation mit der neuen Regierung unter Bolsonaro ist nicht gerade zuträglich für das Projekt, wenn ich es richtig verstanden habe? Bitte erzählen Sie uns inwiefern die neue Regierung und deren Politik Einfluss auf ihre Arbeit nimmt.

In Brasilien gibt es seit Beginn des Jahres 2019 mit der Amtsübernahme des neuen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro weitere Rückschritte. Vor allem viele der über Jahrzehnten mühsam erkämpften Rechte wurden gestrichen und sind nun praktisch hinfällig; Der “Bolsonarismus” ist eine Art von allgemeiner Umkehrung der Werte: Kaufe eine Waffe, bilde dich ohne Schule aus, iss Gift, fälle die Bäume, bring die Minderheiten um und lebe ohne Kunst. Und dies mit Unterstützung von fundamentalistischen religiösen Gruppen. Dies ist natürlich dramatisiert, aber es fühlt sich so an, als sei dies die schrecklichste Phase unserer Geschichte.

Hier ein paar Beispiele:

Der Rechtsextreme Jair Messias Bolsonaro verteidigt die traditionelle (patriarchalische) Familie. An der Tagesordnung sind seine Hassparolen vor allem gegen die indigene Bevölkerung und Landlose, Hetzkampagnen und Vorurteile gegenüber Frauen, Schwarzen, Armen, Homosexuellen und Menschen aus dem Nordosten Brasiliens sowie den Nichtregierungsorganisationen und der kritischen Presse. Anders Denkende sind leider „Feinde“, nicht Gesprächspartner.

Seine Verachtung für Demokratie und Verteidigung von Menschenrechten versteckt er nicht. Er befürwortet die Todesstrafe, die Diktatur, Folterung und gibt die Lizenz, dass Polizeibeamte während der Amtsausübung Menschen erschießen können. Auch seine Meinung, dass die Gewalt in Brasilien durch die Freigabe des Waffenbesitzes „bekämpft“ werden soll, gibt er offen Pries: „Eine Maschinenpistole im Wohnzimmer ist“, seiner Meinung nach „genauso `gefährlich` wie eine Küchenmaschine“. Außerdem verteidigt er das absolute Recht des privaten Landeigentums.

Er versprach, dass er nach seinem Amtsantritt Brasilien „säubern“ würde, den Indigenen die Reservate wegzunehmen, die NGO‘s aus dem Lande zu befördern, etc. Leider lässt sich die Liste noch fortsetzen. Er hat sehr gute Verbindungen zu den Streitkräften, Großunternehmen und evangelikalen Pfingstkirchen und Sekten.Der folgende vorläufige Gesetzesvorschlag wurde ausgearbeitet: NGO‘s sollen überwacht werden, um deren Aktivitäten zu „beraten“. Die sozialen Bewegungen und Organisationen und deren VertreterInnen werden kriminalisiert. In der Regel bezeichnet er sie als Kommunisten, Sozialisten, Arbeitsfaule, Banditen und Terroristen, die Privateigentum nicht respektieren. Das bereits bestehende Gesetz gegen den Terrorismus soll verschärft werden. Dadurch können alle Proteste, Straßenkundgebungen und Demonstrationen als Nötigung der Regierung und damit als terroristisch eingestuft werden.

Auch die Umwelt hat schlechte Karten unter der aktuellen Regierung. Die seit Jahrzehnten geschaffene staatliche Struktur des Schutzes der Umwelt ist in Gefahr. Nur nach wenigen Monaten Regierungszeit wurden diese Institutionen praktisch aufgelöst und Themen, wie die Sorge um den Klimawandel, von der Tagesordnung gestrichen. Sofort bei Amtsübernahme bestand auch die Absicht, das Umweltministerium aufzulösen, davon wurde jedoch aufgrund der vielen Proteste wieder abgesehen. Allerdings wurde es derartig eingeschränkt, dass es die Umweltzerstörung eher fördert als schützt. Wir haben es mit einer deutlichen Anti-Umweltregierung zu tun. Der Umweltminister Ricardo Salles stimmt den Vorschlägen von Bolsonaro zu. Sales ist eine polemische Figur in Brasilien, er unterhält Beziehungen zu Bergbauunternehmen, wurde bereits als Landes-Umweltminister von des Bundeslandes São Paulo wegen Missbrauchs des Plans zur Bewirtschaftung von Umweltschutzgebieten im Einzugsgebiet des Flusses Tietê (Sao Paulo) verurteilt. Die Umweltschutzbehörden sollen abgezogen und an deren Stelle das Heer eingesetzt werden.

Sofort zu Beginn der Regierung wurden Änderungen vorgenommen, um den öffentlichen Stellen, die die Umweltfragen kontrollieren, Macht zu entziehen und zusätzlich wurden Maßnahmen des Umweltschutzes gelockert. Damit werden förmlich illegale Rodungen der Biome - vor allem des Regenwaldes - legalisiert. Bolsonaro selbst sagt dazu: „die Umwelt zu schützen ist mir sehr wichtig, dabei darf aber nicht das Agrobusiness gestört werden“.

Nach Angaben des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE) stieg die Abholzung im Amazonasgebiet drastisch. Im Monat Juli 2019 waren es 2.250 km2. Dies liegt vor allem daran, dass das Amazonasgebiet der wirtschaftlichen Ausbeutung dienen soll. Mit Bolsonaro werden diejenigen, die die Wälder zerstören, nicht bestraft, aber es werden diejenigen bedroht, die die Umwelt schützen möchten. Strafen aus vergangenen Jahren wegen Umweltzerstörung wurden und werden sogar erlassen. Auch hat Brasilien laut einer Studie im ersten Halbjahr 2019 bereits 85 Schutzgebiete verloren. Zudem gibt es immer wieder Hinweise zu Überlegungen, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszutreten.

Von Januar bis Juli 2019 wurden 169 Agrargifte freigegeben, 48 % dieser Gifte werden von Greenpeace als sehr- oder extrem toxisch klassifiziert (weiter liegen über 300 Gesuche zur Entscheidung über die Freigabe vor). Die von Brasilien eingegangenen internationalen Verpflichtungen, wie die Agenda 2030, die 17 nachhaltige Entwicklungsziele enthält, sind durch diese Regierung gefährdet.

Dies waren nun eher ein paar allgemeine Dinge und beziehen sich nicht auf unser Institut. Jedoch wirkt sich die oben beschriebene allgemeine Situation der Regierung Bolsonaro natürlich auch konkret auf die Arbeit unserer Institution aus.

Beispielsweise wurden die staatlichen Projekte auf Bundesebene eingestellt, an denen sich vorher die Nichtregierungsorganisationen und Ortsgruppen per Ausschreibungen beteiligen konnten. Über 12 Jahre stellte diese staatliche Unterstützung für die kleinbäuerlichen Familien und traditionellen Landgemeinden einen wichtigen Pfeiler dar, denn mit diesen Mitteln konnten wir die Familien bezüglich einer ans Trockenklima angepassten Landwirtschaft und Tierhaltung beraten. Außerdem gab es auch Mittel für Bau von Regenwasserzisternen und Wasserauffangbecken als Trinkwasser für die Tiere und zum Gießen von Gemüsebeeten zur Versorgung der Familien.

Auch die Überwachung der Nichtregierungsorganisationen wirkt sich auf die Arbeit aus. Die Zentralregierung versucht durch penible, bzw. unnötige Kontrollen NGOs lahm zu legen, ihre Genehmigungen zu Entziehen und ihre Schließung zu erzwingen.



Die Situation der Kleinbauern in Südamerika war nie eine besonders gute. In Brasilien gab es einmal bessere Zeiten, aber auch hier gehören die Kleinbauern vor allem in der Aktualität zu den von der Regierung besonders vernachlässigten Gruppen. Bitte berichten Sie uns etwas über die aktuellen Herausforderungen, denen die Kleinbauern gegenüberstehen.

Wie befürchtet, gibt es unter der Regierung von Bolsonaro gravierende Änderungen im Bereich der Landfrage und traditionellen Landgemeinden. Es gilt das absolut „heilige“ Recht auf Privateigentum – was sogar gegen die Verfassung ist, denn dort wird die soziale Dimension von Landbesitz eingefordert. Und die Eigentümer dürften dies auch mit Waffengewalt verteidigen, wenn sie sich bedroht fühlen. Bolsonaro hat im April eine Gesetzesvorlage an den brasilianischen Kongress weitergeleitet, darin sollen Verbrechen zur Verteidigung des Landbesitzes eingeschlossen werden, (excludente de ilicitude). In der Praxis würde dies heißen, dass ein Großgrundbesitzer der einen „Eindringling“ auf sein Land umbringt, zwar in einem Prozessverfahren registriert wird, jedoch der Großgrundbesitzer frei von jeglicher Möglichkeit einer Bestrafung ist. Zudem dürfen die Grundbesitzer, bzw. deren Pistoleiros auf deren Grundbesitz Waffen tragen. Bolsonaro hat bereits verkündet, dass es unter seiner Regierung keine Landreform geben wird. Die Konzentration des Landes wird noch mehr ansteigen und Landraub damit legalisiert. Bereits nach 3 Tagen Amtszeit erhielten die Aufsichtsbehörden des Nationalen Institutes für Kolonialisierung und Agrarreform (Incra), die Anweisung, dass vorerst alle Prozesse für Landvermessung, Landenteignung und für Landreform eingestellt sind. Es hieß, dass es eine vorübergehende Maßnahme sei, jedoch wurde auch nicht informiert wie lange dies andauern würde. Laut Incra wurden die 250 laufenden Prozesse vorerst eingestellt sowie 1.700 Prozesse über die Entscheidung der Flächen von Quilombogemeinden. Es sind dies Gemeinden ehemals schwarzer Sklaven, die sich in den Regenwald geflüchtet hatten und dort überlebt haben.

Angeblich soll auch eine neue Struktur für das Institut definiert werden und neue Kriterien für die Festlegung der Landreform. Dabei wird nicht von technischen Kriterien gesprochen, sondern von verwaltungstechnischen Maßnahmen.

Tatsache ist, dass den Kleinbauernfamilien eine Garantie und das Recht auf Land nicht gewährt bzw. ihnen sehr erschwert werden soll.

Bitte gehen Sie noch einmal kurz auf die Wichtigkeit der Kleinbauern in Bezug auf unser Klima und den Schutz, den diese Art des "Zusammenlebens" bietet ein.

Die Arbeit der Konviventia mit dem semiariden Klima - In Eintracht mit dem semiariden Klima leben - hat das Ziel, neue klimagerechte Lebensformen zu vermitteln, die dazu beitragen, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern und die natürlichen Ressourcen zu schützen.

Es muss dringend umgedacht werden, die Biome dürfen nicht als Wirtschaftsressourcen gesehen werden, die bis zum letzten ausgebeutet werden können, sondern müssen als wertvolle und wichtige Lebensräume geschützt werden, um zur Gesundheit des Planten beizutragen. Denn in der semiariden Region Brasiliens ist die sogenannte Entwicklung, die für dieses Gebiet projiziert wird, gleichzusetzen mit wirtschaftlichen und politischen Interessen der dominanten Gesellschaftsschichten – und die oft nur Strohmänner ausländischen Unternehmen sind. Dabei stehen im Vordergrund Großbewässerungsprojekte, Monokulturen, Soja, Zuckerrohr, Exportfrüchte (beispielsweise Weintrauben, Mangos, etc.), Rohstoffunternehmen, Abbau von Bodenschätzen, etc. Um diese Projekte zu verwirklichen, werden Dorfgemeinschaften zerstört, Landraub betrieben und die natürliche Vegetation und Biome kahlgeschlagen und gerodet, was als Folge den Anstieg der Erdtemperatur hat. Jedoch muss die Frage nach der Ursache gestellt werden. Für wen und für was sind die Großprojekte? Wer sind die Abnehmer, in welchen Ländern sitzen die Konsumenten?

Die Familien im Landesinneren im Trockengebiet Brasiliens haben hier eine große Bedeutung. Vor allem in den traditionellen Landgemeinden, besonders den Gemeinschaftsweideflächen, des eben erwähnten ‚Fundo de Pasto` wird in der Regel eine gemeinsame Weidefläche für die Ziegen und Schafe genutzt. Diese gemeinschaftlich genutzten Flächen werden als Santuário ecologico – also als ökologisches Heiligtum bezeichnet. Denn auf diesen Buschweiden gibt es eine enorme Artenvielfalt an Fauna und Flora. Oft noch ohne Bestandsaufnahme, denn innerhalb des Bioms Caatinga beispielsweise, gibt es an den jeweiligen Orten spezifische Pflanzen. Die ‚Caatinga em Pé‘ – die „Stehende Caatinga“ (d.h. nicht abgeholzte Caatinga) ist für die Familien ein großer Reichtum, nicht im Sinne von Kapital, aber es bedeutet es für sie die Grundlage der Lebensgarantie. Denn in dieser intakten Caatinga finden die Tiere, vor allem Ziegen und Schafe Futter und die Familien nutzen sie für die Bienenzucht. Viele Pflanzen sind als natürliche Heilpflanzen bekannt und werden von den Familien verwendet. Des Weiteren werden heimische Früchte zum Verzehr und zur Weiterverarbeitung gesammelt. Die DorfbewohnerInnen achten in der Regel darauf, die Caatinga nicht zu zerstören.

Wenn jedoch gerade in diesen ökologischen Heiligtum Großprojekte installiert werden und die Biome dabei im Weg sind, werden diese dann kahlgeschlagen, was zusätzlich zur Instabilität des Klimas beiträgt.

Ich könnte noch viele weitere Fragen stellen! Das Projekt und Ihre Arbeit sind so spannend und wir sind neugierig, weiterhin von den Entwicklungen zu erfahren. Ich habe noch eine ganz andere Frage. In den Nachrichten hat man in den letzten Wochen von plötzlich auftauchenden Ölteppichen an der Küste von Brasilien gehört. Diese sollen vom Norden kommen und mittlerweile auch entlang der Küste in den Süden ziehen. Wissen Sie hier mehr? Die Medien scheinen derzeit ratlos. Was unternimmt die brasilianische Regierung?

Die Ölkatastrophe, die seit Anfang September dieses Jahres andauert, ist rätselhaft und es gibt bisher keine konkreten Informationen. In den ersten 6 Wochen versuchte die Regierung dies zu ignorieren, war untätig. Durch den Druck der Bevölkerung reagierte die Regierung Mitte Oktober. Die Regierung stellte Soldaten ab und aktivierte einen Notfallplan für die Eindämmung von Ölkatastrophen.

Gleich zu Anfang, ohne jede Evidenz, völlig aus der Luft gegriffen, hatte Bolsonaro jedoch in einem Fernsehinterview erklärt, es handele sich um einen Sabotageakt von Venezuela, um Brasilien zu schädigen.

Jedoch wird weiterhin Öl an die Küstenregionen des Nordostens angeschwemmt. Es handelt sich dabei um ein extremes schweres Erdöl, das sich mittlerweile auf über 2.000 km hinzieht. Freiwillige Helfer, die BewohnerInnen der betroffenen Gebiete, engagieren sich freiwillig, um die verschmutzten Strände zu säubern und die schlimmen Auswirkungen etwas einzudämmen. Leider wissen wir nicht mehr.

Liebe Maria, vielen herzlichen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben um uns zu besuchen! Es war ein spannendes Gespräch mit Ihnen und ich danke Ihnen von Herzen für all die lebhaften Erläuterungen und vor allem, für ihre Arbeit und die Energie, die Sie in dieses Projekt stecken und den Menschen Vorort geben.Bis bald, vielen Dank!

Ebenfalls vielen Dank und bis bald.

 


 

[1] In der Ausschreibung heißt es:

 „Mit dem Agiamondo-Engagement-Preis möchten wir Frauen und Männer ehren, die sich in den Entwicklungs- oder Friedensdienst stellen, die sich stark machen für strukturelle Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Frieden und Teilhabe und so für die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen eintreten. Frauen und Männer, die die Klage der Armen und die Klage der Erde (Laudato Si‘) anrührt und die sich in den Dienst an Mensch und Erde nehmen lassen. Nicht nur fachlich, sondern mit Herz und Verstand.“

[2] (Anmerkung: Über die ASA * – dem Dachverband der Nichtregierungsorganisationen im semiariden Gebiet wurden bisher folgende angepassten Technologien eingeführt: Regenwasserzisternen (Trinkbedarf): 619.943 über die ASA, jedoch insgesamt: 1,2 Millionen, (über andere Programme) damit werden 5 Millionen Menschen versorgt. Es fehlen noch 300.000 Zisternen. Wasser für die landwirtschaftliche Produktion: 103.528 Einzelprojekte (Großregenwasserzisternen, Unterflurstaudamm, Wasserbecken in Felseinbuchtungen, schmale und lange Regenwasserteiche) Regenwasserzisternen in ländlichen Schulen: 6.848 (Regenwasserzisternen mit 30.000 bzw. 52.000 Liter Wasserfassungsvermögen) (Stand 1.3.2019).

Die Arbeiten der NGO's - pädagogische Arbeiten und angepasste Technologien – tragen dazu bei, dass die gravierenden Konsequenzen der Dürreperiode für Tausende von Familien verringert werden konnten.

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