Ein unscheinbarer Titel – voller sozialer Sprengkraft!

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Ein Kommentar zum Jahresbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

„Wohnungslosigkeit – kein Ende in Sicht“ betitelt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ihren Jahresbericht 2018. Die Wirklichkeit, so der Verband, ist bedrängend. Denn tatsächlich lag die Zahl der Wohnungslosen 2018 sowohl als Jahresgesamtzahl als auch als Stichtagszahl um 30.6.18 deutlich höher als noch ein Jahr zuvor.

In Zahlen ausgedrückt:

  • Die Jahresgesamtzahl betrug 2018 für Wohnungslose im Hilfesystem ohne Flüchtlinge 237.000; hinzu kommen 441.000 anerkannte Flüchtlinge, die noch keine Wohnung haben und in Sammelunterkünften o.ä. leben. Damit sind mit 678.000 Betroffenen insgesamt 4,2% mehr Menschen ohne Wohnung als noch ein Jahr zuvor.

  • Die Stichtagszählung am 30.6.18 liegt erwartungsgemäß darunter, da nur die gezählt werden, die an diesem Tag als wohnungslos erfasst sind, nicht aber die, die es vorher waren oder hernach noch wurden. Mit insgesamt 542.000 Wohnungslosen ist auch bei der Stichtags-Erfassung die Zahl der Wohnungslosen deutlich gegenüber 2017 gestiegen – immerhin um 19%.
     

Zur gleichen Zeit konstatiert die IGBau einen „dramatischen Mangel an Sozialwohnungen in Deutschland“, weil immer mehr Sozialwohnungen aus der Sozialbindung entfallen – immerhin 84.500 Sozialwohnungen im Schnitt pro Jahr innerhalb der letzten drei Jahre. (laut einer Nachricht in der Süddeutschen Zeitung, die sich auf eine Stellungnahme der IG Bauen-Agrar-Umwelt bezieht, Quelle s.u.). Als „Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen“ benennt die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Werena Rosenke, „das unzureichende Angebot an bezahlbaren Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung der Armut.“

Beide Bewegungen zusammen verweisen auf eine große soziale Sprengkraft, die sich hier auftut. Denn je schwieriger es für sozial schwächere Gruppen es ist, einen ihrem Einkommen entsprechenden Wohnraum zu finden, zumal wenn der soziale Wohnungsbau immer weniger Wohnungen bereit hält, um so größer ist der Druck auf das Wohnraumangebot gerade in Ballungszentren und um so mehr Menschen bleiben dabei auf der Strecke – bzw. auf der Straße.

Gewiss ist das Problem vielschichtig und hat viele Gründe auch über die genannten hinaus. Verändertes Wohnungsverhalten, vermehrter Wohnraumbedarf pro Person zum Teil gerade im Alter, das alles spielt hinein ebenso wie die steigenden Auflagen für den Bau von Eigenheimen und Mietwohnungen. Dennoch darf man davon ausgehen, dass die drei genannten Gründe die Hauptrolle spielen – und dies sowohl für wohnungslose Deutsche als auch für wohnungslose anerkannte Flüchtlinge, die noch in Sammelunterkünften u.ä. verblieben sind. Dabei fehlt es in Zeiten der gegen Null tendierenden Zinsen nicht an Anreizen zum Ausweichen in Immobilien und damit auch zum Wohnungsbau – aber eben recht wenig zu einem Wohnungsbau mit bezahlbaren Preisen.

Letztlich liegt das Steuerungselement beim Staat durch Anreize und Hilfen zum Bau von Sozialwohnungen, die marktgerecht in Ballungsgebieten das Wohnraumangebot ausweiten und Einfluss auf die Wohnungsangebote nehmen können. Leider aber muss konstatiert werden, dass das bisherige jährliche Budget für den Bau von Sozialwohnungen nicht nur unzureichend ist, sondern sogar zurückgefahren wurde.

Wie unter diesen Umständen der Anstieg der Obdachlosigkeit gebremst und gar umgekehrt werden kann, bleibt völlig schleierhaft. Die Quittung in Form zunehmenden sozialen Sprengstoffes für die kommenden Jahre scheint dabei übersehen zu werden – oder wird unter den Teppich der Wirtschaftspolitik gekehrt. Aber wie bei allen Problemen, die nicht angepackt werden, gilt auch hier: Sie kommen nach einiger Zeit wieder – nur viel heftiger als bisher.

// Br. Peter Amendt

Quellen: 

https://www.bagw.de/de/themen/zahl_der_wohnungslosen/index.html 

https://igbau.de/Deutschland-hat-eine-dramatische-Sozialwohnungsnot-Alle-sechs-Minuten-verschwindet-eine-Sozialwohnung-vom-Markt.html 

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/zahl-der-obdachlosen-2018-gestiegen-laut-wohnungslosenhilfe-bericht-100.html 

https://www.sueddeutsche.de/politik/ig-bau-mangel-an-sozialwohnungen-1.4677172 
 

 

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