Im Interview: Schwester Adéle Yenyihadja

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Kongo: Unsere Partnerin zur aktuellen Notsituation im Kongo

Liebe Schwester Adèle,

Sie kommen aus der demokratischen Republik Kongo (DRK), ein Land das, wie einige andere Länder in der Region, unter einer sehr unsicheren politischen Situation leidet. Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Zunächst interessiert uns, was Sie führt nach Europa und zu uns führt?

Ich bin derzeit im Rahmen meiner neuen Position hier nach Europa gekommen. Erst vor kurzem wurde ich von unserem Bischof, seine Exzellenz Djomo Nicolas, zur Direktorin des Diözesanbüros des Medizinischen Hilfswerkes (BDOM, Bureau diocésain des oeuvres médicales) ernannt. Dieses Amt verlangt von mir viel Flexibilität und Reisen, um die Krankenhäuser und Gesundheitszentren der Diözese Tshumbe betreuen zu können. Unsere Diözese ist sehr groß, die Straßen schlecht erhalten und die sanitären Strukturen sind in keinem guten Zustand. Daher Verbinde ich derzeit einen Besuch bei meiner Familie in Belgien, Italien und Frankreich mit dem Einreichen von Projektanträgen u.a. in Deutschland bei vision:teilen.

Wie ist der Kontakt zu vision:teilen entstanden?

Ich kenne Br. Peter seit 1998 als ich noch Studentin an der an der Katholischen Universität von Louvrain in Belgien (UCL, Université Catholique de Louvain) war. Meine damalige Generaloberin, Schwester Eugénie Wedjolo, hatte bei Br. Peter, den sie von der Missionszentrale kannte, Unterstützung für die Anschaffung eines Computers für mich erfragt. Ich habe damals schon als Beauftragte für die internationale Kommunikation unserer Kongregation (Schwestern des heiligen Franz von Assisi aus Tshumbe) mit Deutschland, Belgien und der Schweiz gearbeitet. Die Organisation vision:teilen und fifty fifty habe ich 2015 durch Br. Peter Amendt kennengelernt. Anfang dieses Jahres bin ich zurück in den Kongo gegangen und arbeite seit dem in der Diözese Tshumbe.

Welche Art von Projekten haben Sie seit dem zusammen mit visio:teilen und der Unterstützung von fifty fifty durchgeführt?

Die Projekte die wir an vision:teilen und fifty fifty gerichtet und durchgeführt haben sind bei uns für jedermann sehr sichtbar. Sie haben uns beispielsweise bei der Ausstattung einiger Gesundheitszentren unterstützt, dazu gehörten u.a. Pulsmessgeräte, Kits zur chirurgischen Grundausstattung und Krankenhausbetten. Zudem hat jede Ärztin unserer Kongregation einen Arztkoffer erhalten, um in dringenden Fällen erste Hilfe zu leisten. Des Weiteren haben vision:teilen und fifty fifty uns durch die Übernahme von Schulgebühren unterstützt, wodurch Jugendliche ihre Abschlüsse machen konnten.

Berichten Sie uns bitte ein wenig über die aktuelle Situation im Kongo. Wir hören hier in den Medien leider nur wenig davon. Was ist genau geschehen, wie sieht die Situation derzeit aus? Es wird von vielen Vertriebenen berichtet?

Die extreme Armut, der Hunger, die Landflucht, die prekäre politische Lage sowie die Lohnsituation führen im Kongo zu großer Unzufriedenheit, dadurch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und letztlich einer sehr hohen Anzahl an Vertriebenen und einer hohen Sterblichkeitsrate von Menschen jeden Alters. In der DRK überleben wir bloß, Leben kann man das nicht nennen!

Der Hunger, die Kindes-, Mutter- und Jugendsterblichkeit sind die dominierenden Themen in den Medien. Ein weiteres Phänomen, das der Landflucht, stellt ein weiteres Problem dar. Viele Menschen kommen in die Städte, da auf dem Land kein Zugang zu Medikamenten und adäquater Behandlung in Krankenhäusern gewährleistet wird. In der zusätzlichen Hoffnung auf  entlohnte Arbeit kommen diese Menschen in die Städte und lassen ihre Felder unbewirtschaftet zurück. Dadurch steigt der Hunger überall an, vor allem in den großen Ballungszentren Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani, Kananga etc. Früher lebten die Dorfbewohner in Solidarität auf dem Land, dieser Sinn für die Familie scheint langsam zu verschwinden. Selbst in Tshumbe in Sankuru, verlassen die Menschen ihre dörflichen Gemeinschaften in der Hoffnung Arbeit irgendwo anders zu finden, dadurch sind die Gesundheitseinrichtungen und die Straßen völlig überfüllt. Um wirklich bezahlte Arbeit zu finden, muss man jedoch einen Namen oder Beziehungen haben. Ich habe jüngere Brüder und Novizinnen, die ihre universitäre Laufbahn hervorragend abgeschlossen haben aber arbeitslos sind und sogar Müll sammeln, um am Ende des Tages einen Euro zu erhalten. Den Aufbruch in die Hauptstadt legen viele Menschen zu Fuß zurück, was Wochen und Monate dauern kann teilweise mit dem Fahrrad, Motorrad oder mit dem Jeep. Diejenigen mit mehr Möglichkeiten können das Schiff, kleine Frachtflugzeuge oder sehr selten, das Flugzeug nutzen. Die Zahlen für die Landflucht belaufen sich derzeit auf ca. 4.000.000 Menschen pro Jahr. Die Hoffnung, die diese Menschen antreibt ist „das Leben wieder zu finden“ und trotzdem finden viele nur den Tod. Selbst Kinder auf der Straße sehen den einzigen Weg des Überlebens in der Kriminalität. Die Situation ist daher im ganzen Land gefährlich und sehr gewaltbehaftet. Das ist ein Szenario des täglichen Lebens bei uns.
Viele Familien schlafen unter Bauschutt, in ihren Autos oder in Behausungen aus Tüchern. In einigen Fällen haben junge Mütter ihre Babys am Morgen an den Flussufern zurück gelassen in der Hoffnung, dass sie jemand in die Waisenheime mitnimmt. Ich arbeite nun bereits drei Jahre in Tshumbe, habe in dieser Zeit 12 Schülern dabei geholfen Unterstützung für ihre Ausbildung zu finden, Nahrung und Gesundheitsleistung zu erhalten und hoffe, dass sie bald Adoptiveltern finden oder jemanden der sie begleitet, denn bei uns kommen immer mehr junge Menschen an.

Sehen Sie, dass sich an der Situation etwas verbessert oder verändert hat in den letzten Monaten?

Die Situation ist momentan weit davon entfernt sich zu verbessern. Aber die sozialen Organisationen und Zusammenschlüsse bieten uns derzeit Lösungsansätze und helfen den Armen enorm beim Überleben.

Sie sind Ärztin in Kongo. Berichten Sie uns über die Gesundheitssituation und die wesentlichen Mängel des Gesundheitssystems.

Als Ärztin und Zuständige in der Diözese für die medizinische Versorgung sehe ich vor allem die folgenden Schwachstellen: der geographische Zugang in entlegene Gebiete, die schlechten Straßen, das Fehlen von Medikamenten, eine kaum vorhandene Infrastruktur an vielen Orten, das Fehlen von Geld und nicht bezahlen von Löhnen, große Arbeitslosenzahlen bei Jugendlichen (auch bei den gut ausgebildeten und diplomierten Ärzten). Die Liste der Hindernisse und Herausforderungen für unser Gesundheitssystem ist lang in unserem Land!

Welche Rolle Spielt die Hilfe der Internationalen Organisationen in diesem Zusammenhang?

Die internationale Hilfe ist sehr wichtig. Die Armen werden durch die Versorgung sehr begünstigt. Das Diözesanbüro bietet den jungen Menschen Arbeitsplätze. Diese Arbeitsplätze werden von internationaler Seite bezahlt. Die großen Herausforderungen wurden an mich herangetragen: Ich soll alle in meinem Zuständigkeitsbereich liegenden Gesundheitszentren mit den grundlegenden Medikamenten zur ersten Hilfe ausstatten, eine bessere Infrastruktur schaffen, die Krankenhäuser sanieren, ein Fahrzeug für die Diözese besorgen und erreichen, dass das Personal von der Regierung bezahlt wird. Dies versuche ich über internationale Gelder zu erreichen.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen und Ihre Prioritäten in der Diözese und bei ihrer Arbeit?

Wie bereits erwähnt sind meine derzeitigen Prioritäten gleichzeitig die Projekte, die ich mitgebracht habe:

  • das Dach für eines unserer Krankenhäuser errichten
  • die Bauarbeiten an den Gebäuden des BDOM Tshumbe fertig zu stellen
  • Ein Basis Medizindepot einzurichten
  • Ein Fahrzeug (4x4) für jede Art von Terrain für die Diözese zu besorgen, um die Kranken in den Ortschaften erreichen zu können und meine Arbeit besser durchführen zu können.

Herzlichen Dank an alles Spender und Unterstützer, Br. Peter, an vision:teilen und besonders an Hubert Ostendorf und das Team von fifty fifty

Vielen Dank, dass Sie uns diesen Einblick ermöglicht und Ihre persönliche Meinung mit uns geteilt haben. Haben Sie eine gute Rückreise und  hoffentlich bald. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und Energie bei und für Ihre weitere Arbeit.

Bericht: Aktion "Kunst gegen Hunger"

Gemeinsam mit vision:teilen hat fiftyfifty, die bekannte Straßenzeitung mit Galerie, seit dem Bekanntwerden der großen Hungersnot im Frühjahr dieses Jahres sich um gespendete Werke namhafter Künstler bemüht, um den Hungernden und Vertriebenen in Ostafrika zur Seite zu stehen.
Bericht ansehen (Link)

 

 

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